Zur Lage in den Vereinigten Staaten

Larry

Einige Anmerkungen eines Genossen aus den USA, die das lärmende analytische Schweigen fast der gesamten linken und anarchistischen Galaxy der USA zu Trumps Wahlerfolg und den Folgen davon übertönt. Erneut rächt sich der Abschied eben jener Galaxien, nicht nur in den USA, von jeglicher materialistischer Gesellschaftsanalyse. Ebenso ins Stammbuch geschrieben sei die (nicht neue) Erkenntnis, dass die wirkliche Begrenzung von Trumps Politik durch die Interessen der Finanzmärkte definiert wird. Was immer wieder gerade von italienischen Gefährten in den letzten Monaten gesagt wurde. Aber wahrscheinlich hat die historische Linke und die subkulturelle anarchistische Galaxy sich schon völlig an die Vereinfachung der kapitalistischen Macht – und Gewaltverhältnisse in moralischen Kategorien gewöhnt, wenn man nicht mehr wirklich als antagonistischer Gegenspieler auftritt, bleibt halt auch nur noch das moralische Opfer Mimimi. 

Bonustracks      

1) Die Vereinigten Staaten erleben eine politische (nicht soziale oder wirtschaftliche) Revolution von großem Ausmaß, sicherlich die größte seit zumindest dem New Deal. Das amerikanische System war bereits sehr präsidial geprägt, aber die derzeitige Konzentration der Macht in den Händen der Exekutive tendiert dazu, die anderen Instanzen – den Kongress, die Gerichte und sogar den Obersten Gerichtshof – auf eine im Wesentlichen dekorative Rolle zu reduzieren.

2) Das berühmte System der Gegengewichte („checks and balances“), auf das die Amerikaner so stolz sind, ist zwar nicht verschwunden, aber es läuft auf Sparflamme. Es sind zwar einige Gerichtsverfahren im Gange, die zu einem kurzfristigen Aufschub von Entlassungen geführt haben, aber das fällt nicht sehr stark ins Gewicht. Was den Kongress betrifft, der wird zwar von den Republikanern dominiert, aber seine Mitglieder sollten theoretisch ihre Vorrechte verteidigen (z. B. das Recht, die Existenz, die Rolle und die Zusammensetzung der Ministerien und anderer Einrichtungen des Bundesstaates zu bestimmen), nur verhalten sie sich passiv – oder sogar als Komplizen. Im Übrigen sei daran erinnert, dass die „Gründerväter“ entgegen der landläufigen Meinung ein solches System der Streuung/Multiplikation von Machtinstanzen keineswegs zum Schutz der Rechte des Volkes geschaffen haben, sondern im Gegenteil, um die Institutionen der jungen Republik vor Volksaufständen zu sichern.

3) Die Verbindung zwischen einem Teil der Tech-Branche und der rechten MAGA (Make America Great Again) mag zwar abwegig klingen, ist es aber nicht. Bei den Präsidentschaftswahlen der letzten Jahre haben die Demokraten die Republikaner in Bezug auf die Beschaffung von Wahlkampfspenden überholt. Nebenbei sei angemerkt, dass diese Tatsache, auf die die linken Medien selten hinweisen, die These von der Oligarchie, die unter Trump plötzlich die Macht übernommen hat, erschüttert. Denn das Großkapital wie auch die sehr wohlhabenden Bevölkerungsschichten bevorzugen in der Regel vernünftige und berechenbare Volksvertreter. Doch eine Reihe von Problemen, die zwar nicht grundlegend, aber für die Wirtschaft dennoch lästig sind – die Regulierung der Tech-Branche, der Meinungsäußerung in sozialen Netzwerken und der IEDs [1] – haben Trump und seinem Team die Möglichkeit gegeben, einen Teil dieser Branche, der zuvor dem „progressiven“ Lager treu war, zu umgarnen. Der Libertäre Peter Thiel, Pate von J. D. Vance und Gründer von PayPal, war die Schlüsselfigur bei dieser Annäherung.

Es handelt sich nicht um einen Sektor, der sich in einer Krise befindet oder an Bedeutung verliert, ganz im Gegenteil: Im Gegensatz zu denen, die Hitler in Deutschland finanzierten, sind hier die großen Gewinner der Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte am Werk. Dies lässt im Übrigen die Grenzen des Vergleichs mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus deutlich werden. Der nicht zu unterschätzende Background ist hingegen die Rivalität mit China, die alle großen Figuren der amerikanischen Tech-Branche fest im Blick haben.

4) Das bringt uns zu Elon Musk, der Trump im Vorfeld der Wahl fast 290 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt hat. Dies erklärt zum großen Teil den roten Teppich, den er ihm ausrollt. Er ist jedoch keine typische Silicon-Valley-Größe. Er ist in erster Linie ein Ingenieur, der von seinen Kollegen allgemein anerkannt wird, von eher einfacher Herkunft ist, sich auf die materielle Produktion konzentriert (die anderen sind größtenteils „Investoren“, die Monopole errichten wollen) und … eine, sagen wir mal, ziemlich pathologische Persönlichkeit hat. Seine Vorgehensweise – erst zerschlagen, dann sehen, was dabei herauskommt – ist eng mit seiner Erfahrung als Ingenieur verknüpft. Und im Gegensatz zu den anderen ist er nicht besonders an Geld interessiert, was ihn irgendwo sogar noch gefährlicher macht. Er ist eher größenwahnsinnig als geldgierig.

5) Nur Wasser im Tank. Tesla ist in Schwierigkeiten, teilweise sicher, weil Musks politische Possen (Hitlergruß, Unterstützung der AFD in Deutschland usw.) das Image seiner Fahrzeuge beschädigt haben, aber viel grundsätzlicher, weil es den Anlegern immer schwerer fällt, daran zu glauben. Der Aktienkurs von Tesla, der kurz nach der Wahl Trumps einen Höchststand erreicht hatte, fällt nun ins Bodenlose, da die Bücher des Unternehmens Verluste ausweisen. Gleichzeitig hat der chinesische Konkurrent BYD seine Umsatzprognose für 2024 um fast 20 % übertroffen. Darüber hinaus wurde Musk, dieser Meister der Jagd nach Verschwendung auf Bundesebene, unter Biden (und im Namen der Energiewende) mit Subventionen begossen, die unter dem Einfluss der weitgehend vorherrschenden Strömung in der Republikanischen Partei, nämlich derjenigen, die auf Erdöl und Erdgas schwört, in die Luft gejagt werden.

6) Real ist das Risiko einer Niederlage der Republikaner bei den Zwischenwahlen (im Jahr 2026), insbesondere wenn die chaotische Politik der Entlassungen und der Desorganisation der Bundesbehörden, die von Musks DOGE [2] betrieben wird, ungehindert weitergeht. In vielen Wahlkreisen müssen die republikanischen Abgeordneten bereits in öffentlichen Versammlungen vor aufgebrachten Bürgern Rede und Antwort stehen. Sind sie bereit, ihren Sitz im Namen der ideologischen Mobilisierung hinter Trump zu opfern? Das wird sich zeigen…

7) Und die Reaktionen der Bevölkerung in diesem Zusammenhang? Es gab einige, aber sie scheinen mir recht schwach zu sein. Zunächst sei daran erinnert, dass Trump im Gegensatz zu den Wahlen von 2016, die er dank des Wahlmännersystems gewann, obwohl er nicht die Mehrheit der Stimmen erhielt, und 2020, die er verlor, was ihn zu einem als Volksaufstand getarnten Putschversuch veranlasste, bei der Wahl von 2024 die absolute Mehrheit der Stimmen erhielt. Angesichts der gewaltigen Wahlkampfspenden der Demokratischen Partei, der zahlreichen Verfahren gegen Trump und der Warnungen vor der faschistischen Gefahr hat sein Sieg das „progressive“ Lager sprachlos gemacht. Die Partei, die die materiellen Interessen, aber vor allem die kulturellen Referenzen der oberen Mittelschichten und der aufstrebenden Schichten innerhalb der „ethnischen Minderheiten“ vertritt, hatte sich eingeredet, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die 80 % der Einwohner des Landes unter Präsident Biden hatten, und ihre geringe Vorliebe für Woke-Werte und Identitätsfragen keinen Einfluss auf den Ausgang der Wahl haben würden. Kurzum, das Schema Arbeiter = links und bürgerlich = rechts hatte in diesem Kontext nicht die geringste Relevanz.

Wir sind also weit entfernt von den großen Demonstrationen nach Trumps erstem Wahlsieg 2016, ganz zu schweigen von der Bewegung gegen Polizeigewalt nach dem Tod von George Floyd oder gar von Occupy Wall Street (alles Bewegungen, die mich hungrig zurückgelassen hatten, aber das ist eine andere Sache). Wie Marx in Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte über die französische Bauernschaft sagte, haben wir es eher mit einer atomisierten Gesellschaft zu tun, die einem Sack Kartoffeln gleicht: keine wirkliche Verbindung zwischen den Kartoffeln, aus denen er sich zusammensetzt. 

Dennoch, hier eine unvollständige Liste der Aktionen: Schon früh gingen Schüler in Los Angeles mehrere Tage hintereinander auf die Straße, um gegen die drohende Abschiebung von Immigranten zu protestieren; am 19. Februar organisierte eine neue Gewerkschaftsgruppierung, das Federal Unionist Network, in etwa 30 Städten kleine Versammlungen, um „unsere Dienstleistungen“ vor der DOGE zu retten; fanden Versammlungen vor Tesla-Showrooms statt; eine Versammlung von 500 medizinischen Forschern fand an der Universität von Washington statt; am 1. März schließlich versammelten sich Tausende von Menschen in 145 Nationalparks, um gegen Entlassungen zu protestieren, die für die Betroffenen manchmal mit dem Verlust ihrer Wohnung verbunden sind. Zu den Entlassenen gehörten Feuerwehrleute, Ranger, Biologen, Botaniker, ausgebildete Arbeitskräfte und viele andere. In der Vorwoche fand vor dem „Capitol“ des Bundesstaates Montana eine Versammlung zur Verteidigung des öffentlichen Territoriums statt; ein Demonstrant trug dort ein Schild mit folgender Aufschrift: „Nicht die Einwanderer haben meinen Job geklaut, sondern der Präsident.“

Es ist klar, dass in einem so großen, bevölkerungsreichen und reichen Land offensichtlich eine größere Dimension erreicht werden müsste…

8) Es gibt jedoch noch eine gefürchtete Gegenmacht: die der Finanzmärkte. Und die sind sowohl rücksichtslos als auch unvoreingenommen, im Gegensatz zu Richtern, gewählten Vertretern, Bundesangestellten und sogar Gewerkschaftsaktivisten. Wenn Trump darauf beharrt, bundesstaatliche Dienste wie die Zivilluftfahrtbehörde (mit der Aussicht auf neue Unfälle), den Wetterdienst (in einem Land, das häufig von Hurrikanen heimgesucht wird) oder die Behörde für die Überwachung ansteckender Krankheiten zu desorganisieren, und wenn er darüber hinaus Strafzölle verhängt, die die amerikanische Inflation anheizen werden, wird Gott ihn nicht bestrafen, das revolutionäre Proletariat auch nicht, aber die Finanzmärkte schon. Das ist übrigens eine seiner Obsessionen, nur scheint er davon nicht viel zu verstehen, weshalb in diesem Stadium alles möglich ist…

Anmerkungen

[1] DEI für „Diversity, Equity, Inclusion“ (Vielfalt, Gleichheit, Inklusion).

[2] Department of Government Efficiency (Abteilung für Regierungseffizienz).

Dieser Text erschien auf französisch am 19. März 2025 auf A Contretemps, ins deutsche übertragen von Bonustracks. 

Das Ende des Märchens

Robin Yassin-Kassab

Eine bearbeitete Version dieses Artikels wurde bei UnHerd veröffentlicht. Ich bin mit der dortigen Überschrift – Syrien kann dem Krieg nicht entkommen – nicht einverstanden, obwohl es derzeit so aussieht, als würde der Kreislauf der Gewalt weitergehen. Neben der Gewalt der Assadisten und den sektiererischen Morden durch Männer, die mit den neuen Machthabern in Verbindung stehen, gab es Absprachen mit den SDF und Vertretern der Drusen. Es stimmt, dass dies nur erste Schritte sind – der SDF-Deal wurde beispielsweise durch den Wunsch der Amerikaner, sich zurückzuziehen, vorangetrieben, die PKK könnte versuchen, einen Teil des Deals (Integration der SDF in die nationale Armee) aufzukündigen, und Damaskus könnte versuchen, einen anderen Teil (Dezentralisierung) aufzukündigen. Aber wenn die Syrer weiterhin intelligent arbeiten, kann das Land tatsächlich dem Krieg entkommen und etwas Besseres aufbauen. Wie auch immer, hier ist der Artikel:

Der plötzliche Zusammenbruch des Assad-Regimes am 8. Dezember 2014, der ohne zivile Opfer erfolgte, kam einem Märchen gleich. Die Syrer hatten befürchtet, dass die Assadisten in Lattakia, dem Kernland des Regimes und der alawitischen Sekte, aus der seine Spitzenbeamten hervorgingen, einen letzten Versuch unternehmen würden. Viele befürchteten auch, dass es zu einem konfessionellen Blutvergießen kommen würde, da die traumatisierten Mitglieder der sunnitischen Mehrheit allgemeine Rache an den Gemeinschaften nehmen würden, die ihre Peiniger hervorgebracht hatten. Nichts von alledem ist damals geschehen. Aber einiges davon ist jetzt geschehen. Am 6. März tötete ein assadistischer Aufstand Hunderte von Menschen in Lattakia und anderen Küstenstädten. Danach haben Männer, die mit den neuen Machthabern verbunden sind, nicht nur den Aufstand unterdrückt, sondern auch Gräueltaten mit sektiererischem Hintergrund begangen, indem sie ihre bewaffneten Gegner kurzerhand hinrichteten und weit über hundert alawitische Zivilisten töteten.

Dies ist das erste konfessionelle Massaker der neuen syrischen Ära, und es wirft einen furchterregenden Schatten auf die Zukunft. Die Revolution sollte die gezielte Tötung ganzer Gemeinschaften aus politischen Gründen überwinden. Jetzt befürchten viele, dass sich dieser Kreislauf fortsetzt.

Das vorherige Regime war ein sektiererisches Regime par excellence, sowohl unter Hafez al-Assad, der ab 1970 regierte, als auch unter Hafez’ Sohn Bashar, der den Thron im Jahr 2000 erbte. Das bedeutet nicht, dass die Assads versuchten, eine bestimmte religiöse Überzeugung durchzusetzen, sondern dass sie spalteten, um zu herrschen, indem sie Ängste und Ressentiments zwischen den Sekten (sowie zwischen Ethnien, Regionen, Familien und Stämmen) schürten und als Waffe einsetzten. Sie instrumentalisierten die sozialen Unterschiede sorgfältig für ihre Machtzwecke und machten sie politisch salonfähig.

Die Assads machten die alawitische Gemeinschaft, in die sie hineingeboren wurden, zu Mitwissern ihrer Herrschaft, oder ließen sie zumindest so erscheinen. Unabhängige alawitische Religionsführer wurden getötet, ins Exil geschickt oder inhaftiert und durch Loyalisten ersetzt. Die Mitgliedschaft in der Baath-Partei und eine Karriere in der Armee wurden als wesentliche Merkmale der alawitischen Identität gefördert. Die obersten Ränge des Militärs und der Sicherheitsdienste waren fast ausschließlich alawitisch.

1982 töteten die Assadisten in ihrem Krieg gegen die Muslimbruderschaft Zehntausende sunnitische Zivilisten in Hama. Diese Gewalt befriedete das Land bis zum Ausbruch der syrischen Revolution im Jahr 2011. Der darauf folgende konterrevolutionäre Krieg kann mit Fug und Recht als Völkermord an sunnitischen Muslimen bezeichnet werden. Von Anfang an wurden sunnitische Gemeinden, in denen Proteste ausbrachen, kollektiv bestraft, was bei Protesten in alawitischen, christlichen oder gemischten Gebieten nicht der Fall war. Die Bestrafung bestand darin, dass Eigentum niedergebrannt wurde, Menschen willkürlich und massenhaft verhaftet wurden und die Verhafteten anschließend gefoltert und vergewaltigt wurden. Im Zuge der fortschreitenden Militarisierung wurden dieselben sunnitischen Gebiete mit Fassbomben bombardiert, mit chemischen Waffen angegriffen und ausgehungert belagert. Während der gesamten Kriegsjahre waren die überwältigende Mehrheit der Hunderttausenden von Toten und der Millionen aus ihren Häusern Vertriebenen Sunniten.

Die alawitischen Offiziere und Kriegsherren wurden bei diesem völkermörderischen Unterfangen von schiitischen Kämpfern aus dem Libanon, dem Irak, Afghanistan und Pakistan unterstützt, die allesamt vom Iran organisiert, finanziert und bewaffnet wurden. Diese Milizen – mit ihren sektiererischen Fahnen und Schlachtrufen – trugen ihren Hass auf die Sunniten sehr offen zur Schau.

Die schlimmsten sektiererischen Provokationen waren die Massaker in Städten in Zentralsyrien, insbesondere in den Jahren 2012 und 2013, in Orten wie Houla, Tremseh und Qubair. Der Modus Operandi bestand darin, dass die Armee des Regimes zunächst eine Stadt bombardierte, um die Milizen der Opposition zum Rückzug zu bewegen, und dass dann alawitische Schläger aus den umliegenden Städten anrückten, um Frauen und Kindern die Kehle durchzuschneiden. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich dabei nicht um spontane Angriffe zwischen benachbarten Gemeinden handelte, sondern dass sie aus strategischen Gründen sorgfältig organisiert wurden. Sie sollten eine Gegenreaktion hervorrufen, die die Alawiten und andere Minderheiten zur Loyalität zwingen sollte. Dies entsprach der wichtigsten konterrevolutionären Strategie des Regimes. Schon früh hatte es salafistische Dschihadisten aus den Gefängnissen entlassen und gleichzeitig eine große Zahl gewaltloser, nicht-sektiererischer Aktivisten verhaftet. Aus demselben Grund bekämpfte sie ISIS nur selten – die wiederum konzentrierten sich in der Regel darauf, der Revolution Territorien abzunehmen.

Bald lieferten sunnitische extremistische Organisationen die vom Regime gewünschte Antwort. So wurden beispielsweise bei einer dschihadistischen Offensive im August 2013 in der Region Latakia mindestens 190 alawitische Zivilisten getötet und viele weitere entführt. Als sie solche Gräuel sahen, sahen viele Angehörige von Minderheitengruppen und auch einige Sunniten keine andere Möglichkeit, als für den Erhalt des Regimes zu kämpfen.

Doch in den letzten Jahren schien die HTS, die seit dem 8. Dezember 2024 de facto das Sagen hat, gelernt zu haben, die Strategie des Teilens und Herrschens zu überwinden. Die islamistische Miliz verbesserte die Beziehungen zu den Nicht-Muslimen in Idlib, und während und nach der Befreiungsschlacht sandte sie positive Botschaften an die Alawiten. Außerdem bot sie allen ehemaligen Regimekämpfern mit Ausnahme von hochrangigen Kriegsverbrechern eine Amnestie an. Es sah so aus, als ob das neue Syrien weitere konfessionelle Konflikte vermeiden könnte. Schließlich hatten während der gesamten Revolution viele Sunniten für das Regime gearbeitet, und viele Alawiten hatten sich dem Regime widersetzt, was einen enormen Preis gekostet hatte, vom übergelaufenen General Zubeida Meeki bis zur Schauspielerin Fadwa Suleiman.

Dennoch waren die Voraussetzungen für einen assadistischen Aufstand in den alawitischen Gebieten gegeben. Die Männer hatten ihre Arbeit in der Armee des zusammengebrochenen Regimes verloren, und viele fürchteten die neuen Machthaber. Iranische Gelder und die Hisbollah-Organisation lieferten die Logistik für den Kampf gegen die HTS. Am 6. März wurden bei koordinierten Angriffen der Assadisten Hunderte der neuen Sicherheitskräfte und auch Dutzende von Zivilisten getötet. Einige der Opfer wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Krankenhäuser und Krankenwagen wurden angegriffen.

In ganz Syrien gab es eine wütende Reaktion der Bevölkerung. Auf improvisierten Demonstrationen wurde der Überfall verurteilt und chaotische Konvois von Kämpfern und bewaffneten Zivilisten machten sich auf den Weg zur Küste. Der Regierung und ihr nahestehenden Kämpfern gelang es weitgehend, die Rebellen aus den städtischen Gebieten zu vertreiben, aber sie verübten auch Gräueltaten. Entwaffnete assadistische Kämpfer wurden kurzerhand hingerichtet. Das Gleiche gilt für alawitische Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder. (Zu den Opfern gehörte auch die Familie von Hanadi Zahlout, einer revolutionären Aktivistin.)

Nach Angaben des Syrian Network for Human Rights, der zuverlässigsten Überwachungsorganisation, wurden 211 Zivilisten von Assad-Loyalisten und mindestens 420 Menschen von syrischen Sicherheitskräften getötet. Die letztgenannte Zahl umfasst sowohl Zivilisten als auch entwaffnete Kämpfer, die summarisch hingerichtet wurden. Es ist schwierig, zwischen beiden zu unterscheiden, da die meisten assadistischen Kämpfer Zivilkleidung trugen, aber mindestens 49 Frauen und 39 Kinder sind unter den Toten.

(Aktualisierung: Nach Angaben des SNHR vom 13. März sind diese Zahlen inzwischen auf 207 von Assadisten getötete Sicherheitskräfte und 225 Zivilisten sowie 529 Menschen – sowohl entwaffnete Kämpfer als auch Zivilisten – gestiegen, die von Männern getötet wurden, die den Sicherheitskräften angehörten).

Der Angriff der Assadisten hätte niemals das alte Regime wiederherstellen können, das völlig zusammengebrochen war und in allen Teilen der Gesellschaft verhasst ist. Das wahre Ziel der Unterstützer des Aufstands könnte darin bestanden haben, eine sektiererische Reaktion zu provozieren. Das war schließlich die Strategie im letzten Jahrzehnt. Wenn dem so ist, hat der Aufstand die gewünschte Reaktion hervorgerufen. Es scheint, dass die meisten Gräueltaten von den notorisch undisziplinierten Gruppen der Syrischen Nationalarmee (SNA) und von ausländischen Kämpfern, darunter auch Tschetschenen, verübt wurden. Das Ausmaß der Beteiligung der HTS ist nicht klar. Aber das ist in gewisser Weise bereits irrelevant. Die Verbrechen an Unschuldigen könnten jetzt einen Aufstand anheizen, der Syrien daran hindert, sich zu stabilisieren, und der den Geiern dient, die das Land umgeben.

Dazu gehören in erster Linie der Iran, der mit dem Sturz Assads seinen wichtigsten arabischen Verbündeten und seinen Weg in den Libanon verloren hat, und Israel, das eifrig an der Teilung des Landes arbeitet. Die beiden verfeindeten Staaten haben – aus unterschiedlichen Gründen – den gleichen Wunsch, Syrien schwach zu halten.

Iran und Israel sowie eine Reihe westlicher Islamophober und „Tankies“ versuchen, die Flammen mit Desinformationen zu schüren. Kommentatoren von Elon Musk bis George Galloway helfen bei der Verbreitung von Behauptungen, dass syrische Christen massakriert werden. Dafür gibt es keinerlei Beweise, aber wie 40 enthauptete Babys am 7. Oktober 2023 könnte sich die Geschichte in bestimmten Ecken des westlichen Bewusstseins festsetzen.

In den nächsten Wochen und Monaten wird sich entscheiden, ob Syriens Zukunft so aussehen wird wie die des irakischen Bürgerkriegs oder ob es etwas viel Besseres sein wird. Präsident Ahmad al-Sharaa hat sich bemüht, den Eindruck von Stabilität zu erwecken, der notwendig ist, um das Land wirklich zu stabilisieren, aber er hat die Oppositionsmilizen noch nicht unter einem disziplinierten Kommando zusammengeführt.

Al-Sharaa hat seit den Morden an der Küste mehrere Reden gehalten. Er hat betont, dass niemand über dem Gesetz steht, wer auch immer das sein mag. Jetzt gilt es, diese guten Worte in die Tat umzusetzen. Es wurde ein Untersuchungsausschuss eingesetzt und ein weiterer Ausschuss, der sich an die Küstengemeinden wendet.

Über diese Krisenmaßnahmen hinaus benötigt Syrien dringend einen unabhängigen Prozess der Übergangsjustiz. Nach Jahrzehnten der Gewalt müssen die Syrer ihren Unmut äußern, die Fakten der Geschehnisse ermitteln und für Gerechtigkeit sorgen. Nur dann kann ein nationaler Konsens über die Tragödien der Vergangenheit und die künftige Entwicklung erreicht werden; nur dann wird die Verlockung der Selbstjustiz gebannt sein.

Bislang wurden mehrere Kriegsverbrecher verhaftet, aber keiner von ihnen wurde bisher vor Gericht gestellt. In einigen Fällen wurden die Verbrecher bereits kurz nach ihrer Verhaftung wieder freigelassen. So ging beispielsweise der assadistische Kommandeur Fadi Saqr, der in das Massaker von Tadamon verwickelt war, nach seiner Freilassung in der Nachbarschaft spazieren, was Proteste der Anwohner auslöste.

In einer Rede am 30. Januar bezeichnete Al-Sharaa die Übergangsjustiz als eine der Prioritäten der Regierung, doch am 27. Februar verhinderten die Behörden eine Konferenz zu diesem Thema in Damaskus. Die Konferenz wurde vom ‘Syrian Center for Legal Studies and Research’ organisiert, das von Anwar al-Bunni geleitet wird, dem Menschenrechtsanwalt, der am ersten Prozess gegen einen assadistischen Kriegsverbrecher beteiligt war – dem Prozess gegen Anwar Raslan, der in Deutschland im Rahmen der universellen Gerichtsbarkeit für schuldig befunden wurde. Es wurde keine Erklärung für die Verhinderung der Konferenz gegeben.

Es gibt gute Gründe dafür, dass al-Sharaa das Gefühl hat, dass er sich keinen echten Prozess der Übergangsjustiz leisten kann. Zunächst einmal trägt die HTS ihren eigenen Anteil an der historischen Schuld. Vielleicht kann man im Rückblick nach der Befreiung rechtfertigen, dass sie aus Gründen der militärischen Effizienz andere oppositionelle Milizen aufgesaugt hat. Viel schwieriger ist es, die Eliminierung revolutionärer Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft wie Raed Fares und Hamoud Jnaid zu rechtfertigen, die 2018, also vor nur sechs Jahren, ermordet wurden.

Selbst wenn die HTS-Führung von der Überprüfung ausgenommen werden könnte, sieht die Stabilisierungsstrategie von al-Sharaa vor, alle militärischen Gruppierungen unter ein nationales Dach zu bringen. Die Fraktionsführer vor Gericht zu stellen, würde diesen Bemühungen zuwiderlaufen. Die von den SNA-Milizen an der Küste begangenen Verbrechen zeigen jedoch, dass Nachsicht den sozialen Frieden viel mehr gefährdet als Verhaftungen.

Je mehr die syrischen Gemeinschaften in den Regierungsprozess einbezogen werden, desto weniger können die Warlords das Gemeinwesen verunsichern. In dieser Hinsicht gibt es immer noch Grund zum Optimismus. Am 10. März unterzeichnete al-Scharaa ein Abkommen mit den SDF, um diese Miliz in die nationale Armee zu integrieren und die zentrale Kontrolle über Nordostsyrien wiederherzustellen. Sollte es zu einem Abkommen mit den drusischen Milizen kommen, wäre Israel seiner wichtigsten Destabilisierungsinstrumente beraubt. Um auch den Iran und die Überreste der Assadisten zu entmachten, müssen die militärischen Maßnahmen mit Bemühungen einhergehen, Alawiten, die gegen Assad waren, in Verwaltungspositionen zu bringen, sowohl an der Küste als auch auf nationaler Ebene.

Durch die Einbeziehung der Zivilgesellschaft muss die Regierung einen ausreichenden Frieden schaffen, damit die Zivilgesellschaft ihre Arbeit aufnehmen kann. Die Syrer selbst müssen in die Lage versetzt werden, die harte Arbeit der Aufarbeitung und Überwindung ihrer Traumata zu leisten. Eine Kultur der Staatsbürgerschaft ist das einzig wahre Gegenmittel gegen die sektiererische Zersplitterung.

Robin Yassin-Kassab ist Mitautor von ‘Burning Country: Syrians in Revolution and War’ und ist der englische Editor des ISIS Prisons Museum. Der Text erschien auf englisch am 13. März und wurde von Bonustracks ins Deutsche übersetzt. 

Von der Unterwelt in Manchester zur Unterwelt in der Banlieue

Atanasio Bugliari Goggia

Morgen, am 14. März, erscheint bei ‘MachinaLibro’ der Band ‘Cronache marsigliesi – Einblicke in den Bürgerkrieg in Frankreich’, eine Textsammlung, der eine Reihe von Artikeln des verstorbenen Emilio Quadrelli über die französische Stadt zusammenfasst. Das Buch beschreibt die widersprüchliche Realität der Banlieues, die Konflikte der rassifizierten Subjekte, die Rolle der Frauen in den Kämpfen gegen Sexismus und Patriarchat und in der politischen Organisation territorialer Kollektive und zeigt, wie Marseille das fortschrittliche Labor des zeitgenössischen kapitalistischen Modells verkörpert.

Wir veröffentlichen heute einen Auszug aus dem Nachwort von Atanasio Bugliari Goggia.

Vorwort Machina

***

Sta nel mitra lucidato! Ciao Emilio!  

(geschrieben für Emilio Quadrelli – mit dem Hammer- und Sichelsymbol – und am Tag nach seinem Tod in Genua erschienen, zitiert aus Ma chi ha detto che non c’è von Gianfranco Manfredi) 

Acht Tage vor seinem Tod traf ich Emilio zum letzten Mal. Obwohl sein Zustand hoffnungslos war, behielt ich einen unerschütterlichen Optimismus, was seine Überlebenschancen anging, zum einen, weil ich mich nicht der Realität beugen wollte – auch wenn eine völlig materialistische Lesart jedes individuellen und kollektiven Lebensweges zu Emilios wesentlichen Lehren gehörte – und zum anderen, weil derjenige, der von klein auf nach der Devise „keinen Schritt zurück“ gehandelt hat, in den Augen derjenigen unsterblich erscheint, die aus seinen Taten gelernt haben, was es heißt, ein „Genosse“ zu sein. In den folgenden Tagen dachte ich lange über diesen letzten Besuch nach, und das Bild, mit dem Simone de Beauvoir ihren Abschied von dem an Leukämie erkrankten Frantz Fanon beschrieb, kam mir lebhaft in den Sinn: „Als ich seine fiebrige Hand drückte, schien ich die Leidenschaft zu berühren, die ihn verbrannte. Er übertrug sein Feuer auf uns“. Dieses Gespräch und die abschließende Umarmung mit Emilio vermittelten mir die gleichen Empfindungen. Emilios überwältigende politische und soziale Leidenschaft war in seinen letzten Lebensjahren völlig konzentriert in dem Bemühen, die Konturen des zeitgenössischen klassenpolitischen Labors neu zu definieren, um das Rätsel der Klassenzusammensetzung in der Epoche der Tendenz zum zwischenimperialistischen Krieg zu entschlüsseln, ein klarer Wille, die Konturen jener „Geographie des Hungers“ zu erfassen, unter anderem ging es dabei um eine Reaktualisierung des kämpferischen, politischen und militanten Fanon aus „Die Verdammten der Erde“ und „Politische Schriften“, gereinigt von jenen zahmen Interpretationen, die für eine bestimmte Kritik typisch sind, die mit der postmodernen Rhetorik vom Ende der Ideologien auf kultureller Ebene und dem Ende der Klassen auf wirtschaftlicher Ebene verbunden ist. Und gerade auf die neue Klassenzusammensetzung, auf die Beziehung zwischen der ‘farbigen Linie’ und der ‘heimatlosen (Arbeiter-)Arbeit’ und auf die zwischen dem Klassenbewusstsein des Proletariats und der Notwendigkeit einer langfristigen politischen Organisation geht die Marseiller Chronik in erster Linie ein. […]   

Die Chroniken von Marseille sind nicht nur ein unverzichtbarer Entwurf für künftige militante Untersuchungen über den „Gesundheitszustand“ des westlichen Proletariats und die „Pläne“ des Kapitals, sondern stellen auch den Höhepunkt einer langen Reise dar, auf der Emilio sich mehrmals mit dem Thema der französischen Vorstädte auseinandergesetzt hat. Im Jahr 2007 erschien das Buch ‘Militanti politici di base. Banlieuesards e politica’ [1], eine kurze ethnografische Studie über die Pariser (und französischen) Unruhen im Herbst 2005, an denen Emilio zumindest als Zuschauer teilgenommen hatte. Für diejenigen, die wie ich seit einigen Jahren durch den schlechten ‘Gesundheitszustand’ der italienischen Bewegung entmutigt waren und die Ursachen in erster Linie darin sahen, dass in weiten Teilen eine solide klassenorientierte Perspektive der wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen zugunsten von unwahrscheinlicher Perspektiven aufgegeben wurde, die sich auf Massen und immaterielle Arbeit konzentrierten, war dies ein Werk, das auf militanter Ebene die Züge einer echten kopernikanischen Revolution annahm. 

Die Arbeiterklasse existierte, man musste nur in die Unterwelt der Produktion hinabsteigen und sie mit „einem bestimmten Blick“ suchen. Gerade indem ich dieses und andere Werke von Emilio [2] mit ‘der Chronik’ in Beziehung setze, werde ich versuchen, einige seiner Erkenntnisse, unter vielen möglichen, zum Thema Banlieue herauszuarbeiten. Dies alles im Anschluss an eine erste Überlegung: Die ‘Pariser Untersuchung’ von 2006 erweist sich als eine „Geschichte der Zukunft“, da Emilio in nuce einige wesentliche Passagen der Dialektik zwischen dem Kapital und der „Schurkenklasse“ erfasst, die sich einige Jahre später in ihrer ganzen Boshaftigkeit in Form von Disziplinierung, Ausgrenzung, Marginalisierung und Abrutschen unserer Klasse materialisieren sollte; ‘Die Chroniken’ hingegen fassen eine „Geschichte der Gegenwart“ zusammen, denn die Widersprüche des Kapitalismus und die „Positionierung der Klasse“, die Emilio im Voraus erkannt hat, sind heute, in der Zeit der – zyklischen oder unumkehrbaren – Krise und der Tendenz zum Krieg, in jedem Winkel des Westens Realität geworden.  

In diesem Sinne macht Emilio mit der Chronik einen weiteren Schritt: Er skizziert nicht nur die Merkmale des neuen Großstadtproletariats, d.h. die Klassenzusammensetzung nicht in ihrer soziologischen Abstraktheit, sondern in ihrer politischen Konkretheit, sondern versucht auch, die Konturen einer möglichen politischen Projektualität für die Subalternen nachzuzeichnen, da „der Hunger der Massen nach Politik“ dringend Organisations- und Selbstorganisationsformen benötigt, die in der Lage sind, eine Weltsicht und die Ausübung von Gewalt zu konstruieren, d.h. die historische Zeit zu erfassen und mit ihr Schritt zu halten. Eine Analyse- und Vorhersagefähigkeit, die nicht von einer göttlichen Gabe herrührt, sondern von Emilios Bekenntnis zu jener leninistischen Lehre, die dazu verpflichtet, ständig am Rande der Zeit zu bleiben, um die neue Welt und damit die sich herausbildende Klassensubjektivität zu interpretieren. In dieser Perspektive bleibt Emilio stets der operaistischen Methode verhaftet, einer Praxis der kämpferischen Untersuchung, die er unermüdlich in einem neuen Kontext zu verorten versucht, um das „Wehklagen der Unterdrückten“ in den Banlieues als Paradigma einer wirtschaftlichen, sozialen und existenziellen Bedingung zu begreifen, die das Leben und das Schicksal der subalternen Massen im gesamten Westen widerspiegelt. Darüber hinaus war Maos berühmter Satz ‘Nur wer forscht, hat das Recht zu sprechen’, den Emilio immer wieder gerne wiederholte, das Markenzeichen seiner politischen und existenziellen Sphäre und ein unverzichtbarer intellektueller Kompass.  

 […]  

Es ist wichtig, an Emilios Affinität zur illegalen Welt zu erinnern, die es ihm ermöglichte, die Veränderungen der Arbeitswelt und damit das Hier und Jetzt der Klasse zu erfassen: In Zeiten der globalen Krise wird es für das Großstadtproletariat zur Normalität, zwischen Gelegenheitsjobs, prekären und flexiblen Jobs mit geringem Profil und den ständigen Ausflügen in die illegale Wirtschaft zu pendeln. Dies ist keine Anomalie, sondern das Modell, mit dem das Kapital die Arbeitskraft beherrscht. Emilio war im Übrigen der einzige Wissenschaftler, der in der Lage war, die émeutes des Jahres 2005 zu kartografieren, indem er sie in einen engen Zusammenhang mit den Aktivitäten der kriminellen Kreise stellte und aufzeigte, wie der soziale Frieden in Städten und Stadtvierteln herrschte, in denen das organisierte Verbrechen eine nicht gerade zweitrangige Macht hatte. In ‘den Chroniken’ hebt er hervor, dass zumindest in Marseille die Kontrolle und die Erpressung, die die kriminellen Organisationen über die Bevölkerung der Viertel ausüben konnten, verschwunden sind – „nicht unähnlich derjenigen, die der Chef über die prekär Beschäftigten ausübt“. 

Wie schon erwähnt, liest er in „Militanti politici di base“ die Unruhen von 2005 als eine Geschichte der Zukunft, indem er zunächst, gestützt auf die Aussagen von Bewohnern und/oder Militanten der Pariser Banlieues, den politischen Hintergrund des Lebens dieses großen Teils der Arbeiterklasse aufzeigt und im Wesentlichen deutlich macht, wie sich die Bewohner dieser Gebiete gegen das Modell der Sozialverwaltung und der Arbeitsorganisation auflehnen. In der ‘Pariser Untersuchung’ wurde die Idee dargelegt, dass die Entstehung neuer Arbeitsbedingungen in den Banlieues einen Versuch des Kapitals darstellte, vor Ort ein Modell zu erproben, das auf völlig prekären und ungeschützten Arbeitsformen und auf extremen Formen der sozialen Kontrolle beruht. Ein Paradigma, das es seinerzeit weltweit durchsetzen wollte. Die Banlieue war also kein Beispiel für die Racaille, das Lumpenproletariat, sondern vielmehr die Summe der Widersprüche des zeitgenössischen Produktionsmodells, das dessen Folgen für nicht unwesentliche Teile der Bevölkerung vorwegnahm und vorwegnahm. Emilio machte so aus dem gesamten Kulturalismus eine Tabula rasa, indem er hervorhob, wie analytische Kategorien, die behaupteten, der Vergangenheit angehören zu müssen, stattdessen den begrifflichen und analytischen Rahmen darstellten, um die Merkmale der Gegenwärtigkeit zu erfassen, die ideologische Hülle, durch die man versuchte, einen rein materiellen Konflikt zu interpretieren. 

Der Lauf der Jahre scheint ihm Recht zu geben, und in diesem Sinne wiederholte er oft, dass „Fakten einen harten Kopf haben“. Diese frühen Werke über die Banlieue – die Emilio immer wieder mit Kampfphasen aus der Vergangenheit in Verbindung bringt: von der Arbeiterautonomie bis zum algerischen Befreiungskampf, von der russischen bis zur chinesischen Revolution – setzen sich mit den Veränderungen des kapitalistischen Systems und den Umwälzungen auseinander, die den Hintergrund des proletarischen Lebens bilden. Ausgehend von einer präzisen Tatsache: Im Zeitalter des Liberalismus bleiben die Produktion von materiellen Gütern und die Höhe des Mehrwerts, der aus ihnen herausgeholt werden kann, zentral. Die Unruhen in den Banlieues sind kein Beispiel für eine Verzweiflungstat, die aus sozialer Degradierung und Unwohlsein geboren wurde, sondern sie enthalten den reinsten Keim des Klassenbewusstseins. Die ‘Chroniken von Marseille’, das Ergebnis eines einmonatigen Aufenthalts in der Stadt des Mistral, wurden zwischen Anfang April und Mitte Juli 2023 geschrieben, auf dem Höhepunkt der französischen Proteste gegen das vorgeschlagene Gesetz zur Verlängerung des Erwerbsalters, und berühren im Schlussteil die émeutes von 2023. Anhand von „Lebensgeschichten“ und ausführlichen Interviews untersuchte Emilio zwei Realitäten: das Collectif Boxe Marseille, das sich sowohl sportlich als auch gewerkschaftlich und politisch in der Koordination der Kollektive der nördlichen Viertel engagiert, und das Collectif Autonome Précaires et Chȏmeurs Marseille.

Der erste Teil besteht fast ausschließlich aus Interviewauszügen, wobei die Interaktion des Autors minimal ist, gemäß der Hypothese, dass die empirische Wiederherstellung der sozialen Akteure von grundlegender Bedeutung ist, abgesehen davon, dass sie die Autoren des Textes sind, gemäß dem Prinzip, dass „das Phänomen immer reicher ist als das Gesetz“. In den letzten beiden Teilen befasst sich das Werk auch mit den Unruhen, die Frankreich nach der Hinrichtung des jungen Nahel in Nanterre durch die Polizei erschütterten, und geht dabei erneut auf die Klassenzusammensetzung und das soziale Profil dieser neuen Arbeiterklasse der Vorstädte ein, die in den Strudel der neuen kapitalistischen Produktionsparadigmen, die die heutige Welt kennzeichnen, und der Prozesse der Disziplinierung und der sozialen Kontrolle geraten ist, die teilweise angepasst wurden, um die sozialen Auswirkungen einer hoffnungslosen Wirtschaftskrise einzudämmen und gleichzeitig eine Arbeitskraft zu schaffen, die auf die Anforderungen des Zeitalters der Krise vorbereitet ist. In diesem Sinne verkörpert Marseille das fortschrittliche Labor des zeitgenössischen kapitalistischen Modells.

Während Emilio in seinen ‘Überlegungen zur Banlieue’ auf zweifellos originelle Weise – gestützt auf das Instrumentarium des italienischen Operaismus und des leninistischen Denkens sowie auf die Methode der militanten Untersuchung (und zuweilen auf die mündliche Überlieferung nach dem Vorbild von Revelli, Bermani und Portelli) – versuchte, den aktuellen „Plan des Kapitals“ zu skizzieren, konzentrierte er sich in ‘den Chroniken’, wie bereits erwähnt, mehr auf die Subjektivität der Klasse und versuchte, die Möglichkeiten der politischen Organisation dieses „heimatlosen Arbeiters“ zu umreißen: „von der Partei der Mirafiori zur Partei der Banlieue“, oder besser gesagt, von der historischen Partei zur formalen Partei.  Ein theoretischer Übergang, der in einem Kontext der Proletarisierung der Massen und einer Tendenz zum zwischenimperialistischen Krieg, der den kapitalistischen Akkumulationszyklus wieder in Gang setzen soll, nicht länger aufgeschoben werden kann.  

Der Krieg als Instrument, das durch eine gewaltige Zerstörung von konstantem und variablem Kapital die Wiedergeburt und den Aufschwung des Kapitalismus ermöglicht. Emilios Bestreben, mögliche Szenarien des Klassenkampfes und der Organisation aufzuzeigen – ein ständiges Thema in seiner Produktion über die Banlieue, die in diesem Sinne als Paradigma einer sozialen und existenziellen Bedingung verstanden wird, die nicht allein der französischen Welt zugeschrieben werden kann -, kommt in seinen späteren Werken besonders zur Geltung, und in diesem Sinne sollte ‘die Chronik’ von der Lektüre der Bücher ‘L’altro bolscevismo’ und ‘Le problème n’est pas la chute mais l’atterrissage’ [3] begleitet werden, die verdeutlichen, dass der Standpunkt der Klasse in dieser historischen Phase viel weiter fortgeschritten ist als ihre Organisation, auch aufgrund der Tatsache, dass nicht nur die Erinnerung an die Kämpfe und die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen aus dem zeitgenössischen Horizont zu verschwinden scheint, sondern auch die Legitimität der gesichtslosen Massen und ihrer Handlungsrepertoires. Die herrschende Ideologie scheint die Idee des Konflikts als legitimes Mittel des sozialen Wandels auszulöschen und alles auf das klassische Thema der gefährlichen Klassen zurückzuführen, ein Paradigma der Macht, das Opfer zu Tätern macht.  

Der hier vorgelegte Text ist besonders wertvoll, weil er von jenen Militanten an der Basis spricht, die ständig versuchen, das Proletariat der Banlieues zu organisieren. Es handelt sich ganz allgemein um jene organisierten Gruppen, die unermüdlich daran arbeiten, das politische Bewusstsein jener „petits protagonistes“ der Aufstände zu formen, die, während sie nach politischer, organisatorischer und programmatischer Einheit streben, versuchen, die „émeutiers“ und potenziellen „émeutiers“ auf ihre Seite zu ziehen und sie in eine umfassende politische Militanz einzubinden. Denn wir müssen uns immer vor Augen halten, dass in den Banlieues das neue Proletariat lebt, „die am weitesten fortgeschrittene Frucht des kapitalistischen Modells, sicherlich kein Überbleibsel der Vergangenheit“. Es handelt sich um einen Prozess der Bewusstseinsbildung der Jugend der Vorstädte, der „Erziehung“ zur kollektiven Aktion, der Weitergabe des Gedächtnisses der Kämpfe, Prozesse, die unabdingbar sind, um die Wut der ‘Petits’ – das Klassenbewusstsein – in politisches Bewusstsein zu verwandeln, damit ein langfristiges Engagement mit der Revolte Hand in Hand gehen kann. Um mögliche Wege der Organisation und des Kampfes dieses Proletariats zu entwerfen, ist es zunächst notwendig, es von all der kulturalistischen Rhetorik und den diskursiven Ordnungen zu emanzipieren, die auf es niedergegangen sind.

In diesem Sinne sind die Chroniken von unschätzbarem Wert, denn die Akteure, die sich zu Wort melden, sind Angehörige jener Klasse, die sich ständig zwischen Prekarität, Arbeitslosigkeit, halber Legalität und totaler Illegalität bewegt und die den gegenwärtigen kapitalistischen Akkumulationszyklus zunehmend kennzeichnet. Eine Arbeiterklasse und proletarische Masse, der die Arbeitsbeziehungen des 20. Jahrhunderts völlig fremd ist und deren Zustand in vielerlei Hinsicht sogar Züge und Merkmale des 19. Jahrhunderts aufweist. Eine gesichtslose Masse der Vorstädte, die wenig mit dem zu tun hat, was sich außerhalb dieser Gebiete oder vielmehr dieser Klassenzugehörigkeit befindet: die „weißen“ Bewegungen der Stadt, die linken und linksextremen politischen Parteien, die immer durch Spaltung und Kooptation agiert haben, ein gewisser Banlieue-Assoziationismus mit dem Ziel der Klassenkontrolle, die garantierten Klassensektoren, die gegen die Rentenreform gekämpft haben, die Erfahrung der Gilets Jaunes, „eine große Bewegung des Volkes, aber nicht der Klasse“. Eine neue Klassenzusammensetzung, die sich in Anlehnung an die Lehren Lenins um eine Ideenkraft organisieren muss, auf der eine neue Hypothese der Macht aufgebaut werden kann. 

Der Standpunkt der Arbeiter, sagt Emilio, muss wieder zum Kompass für die Ausarbeitung einer Organisationstaktik werden. Von der Klasse zur Partei und nicht andersherum. Von der Unterwelt der Fabrik und nicht vom Himmel der Ideen. Es geht um die Notwendigkeit der Hegemonie der fortschrittlichsten Fraktion des Proletariats, die durch ihre Linie „in der Praxis die Zeiten und Rhythmen des Klassenkampfes durchsetzt“. In diesem Sinne wird die Banlieue zum politischen Laboratorium der zeitgenössischen Klasse: „Der objektive Zustand der Ausgrenzung und Marginalität der Bevölkerungen, die im Kontext der Banlieues leben, d.h. in den Randgebieten der globalen Metropolen, präfiguriert das Schicksal eines großen Teils der zeitgenössischen subalternen sozialen Klassen und repräsentiert somit die Geschichte unserer Gegenwart. Mit anderen Worten, die Banlieue ist die exakte Kristallisation der gegenwärtigen proletarischen Bedingung, einer Bedingung, die das Ergebnis jener Praktiken der kolonialen Herrschaft ist, die das strategische Projekt par excellence des gegenwärtigen kapitalistischen Kommandos darstellen. Aus dieser Perspektive sind die Banlieues also unsere Putilow-Werke“ [4]. 

 [1] E. Quadrelli, Militanti politici di base. Banlieuesards e politica, in M.Callari Galli, a cura di, Mappe urbane. Per un’etnografia della città, Guaraldi, Rimini 2007. 

(Auszugsweise auf deutsch https://bonustracks.blackblogs.org/2024/07/21/politische-militante-an-der-basis-die-banlieusards-und-die-politik-2005/

[2] Ich verweise insbesondere auf: Algerien 1962-2012: eine Geschichte der Gegenwart. Dalla guerra di liberazione alla „guerra asimmetrica“, La casa Usher, Florenz 2012.

Siehe auch: Black, blanc, beur. Lotta e resistenza nelle periferie globali, «Infoxoa», n. 020, Roma 2006 e Burn baby burn. Guerra e politica dei banlieuesards, «Wobbly», n. 10, Genova 2006.

[3] E. Quadrelli, L’altro bolscevismo. Lenin, l’uomo di Kamo, DeriveApprodi, Bologna 2024 und Id., Le problème n’est pas la chute mais l’atterrissage. Lotte e organizzazione dei dannati di Marsiglia, «Carmilla online», 1-4 (26. marzo 2023-22.aprile 2023). 

(Auszugsweise auf deutsch https://bonustracks.blackblogs.org/2023/04/04/die-chroniken-von-marseille-es-ist-nicht-alles-gold-was-glaenzt/ )

[4] E. Quadrelli, L’altro bolscevismo (Der andere Bolschewismus,) a.a.O., S. 188.

Dieser Beitrag wurde am 13. März 2025 auf Machina veröffentlicht und von Bonustracks ins Deutsche übersetzt.

Muss man aus allen Rohren feuern? Eine Kritik an Soulèvements de la Terre, um eine autonome Position zu verteidigen.

Anonymes Pamphlet

Eine überfällige Übersetzung der inhaltlichen Auseinandersetzung in Frankreich mit den ‘Soulèvements de la Terre (SdT)’, die im deutschsprachigen Raum idealisiert und unkritisch glorifiziert werden, ebenso wie jeder historische Materialismus in den “ökologischen Kämpfen” (jenseits militanter Kleingruppen) scheinbar völlig verschwunden zu sein scheint, was beileibe nicht immer so war, mensch denke nur an die Thematisierung der Triangel Umwelt, Kapital, militärische Nutzung in der AKW Bewegung. Und die Fragen, die dieser Text stellt, stellen sich genauso hierzulande, darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass die Soulèvements de la Terre “militanter” daherkommen, in dem was hierzulande so schön “AktionsKONSENS” genannt wird (und dabei komischerweise immer ‘von oben’ und in ‘Abgrenzung’ beschlossen wird), wobei der Text eben die Zentralität der Position und nicht der Form betont, die Warenförmigkeit des Erscheinungsbild des ‘Schwarzen Blockes’ durch die postautonomen Gruppen spricht davon Bände, ebenso wie das ‘militante Eventhopping’ per EasyJet quer durch Europa eben keine autonome Politik abbildet, der es immer um Verortung im konkreten Kampf ging, sondern das autistische Junkytum der Beliebigkeiten unserer Zeiten, dem es letztendlich egal ist, wie die eigenen regressiven Bedürfnis nach ‘Rausch’ befriedigt werden. Im Kern geht es bei jeder Kritik an den SdT ebenso wie bei den Kritiken an den postautonomen Eventmanager*innen hierzulande im Kern um das ‘eigene Lager’, die Frage, was (und in welcher Form) autonome und anarchistische Praktiken heutzutage sind, bzw. sein könnten. 

Die Übersetzer

Wir haben beschlossen, uns die Zeit zu nehmen, um zu versuchen, die Gründe für unsere Weigerung, an der Dynamik der Soulèvements de la Terre (SdT) teilzunehmen, zu artikulieren. Nicht so sehr wegen der Neuheit unserer Überlegungen, denn etwas Neues in dieser ganzen Geschichte gibt es nicht. Niemand hat in letzter Zeit das Rad neu erfunden, und man kann sagen, dass alles schon zu anderen Zeiten gelebt, gesagt oder reflektiert worden ist. Selbst in der Geschichte der Anarchisten oder Autonomen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt, vielleicht aus Perspektivlosigkeit oder eher aus einem Bedürfnis nach Anerkennung, von der Idee der vertikalen Organisation mit Zentralkomitees angezogen finden, die sich als selbsternannte Gesprächspartner mit der herrschenden Macht projizieren. Das ist nichts Neues, und auch die politische Vereinnahmung radikaler Ränder durch linke Organisationen und Parteien ist nichts Neues. Warum also sollte man sich damit beschäftigen und sich die Mühe machen, diese Kritik zu formulieren? Ganz einfach, weil es manchmal helfen kann, ein für alle Mal zu etwas Interessanterem und Anregenderem überzugehen.

Wir schreiben dies aus einer Position heraus, an der wir seit verschiedenen Erfahrungen festhalten: der Autonomie als Schutz vor Delegation und Repräsentativität. Als eine Möglichkeit, das, wofür man kämpft und wie man es tut, nicht an eine Partei, eine Gewerkschaft oder eine Organisation zu delegieren. Eine Position, die es einem ermöglicht, an Kämpfen festzuhalten, die nicht nach Legitimität seitens des Staates oder der herrschenden Klasse suchen. Die sich die Möglichkeit offen lässt, verschiedene Gruppen und Tendenzen zu treffen und sich auszutauschen, die keine Mauer vor dem errichtet, was uns beim ersten Kontakt politisch anders erscheint. Deren Absicht es nicht ist, ein Programm anzubieten, sondern einen politischen Ausdruck, der sich sowohl in der Praxis als auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen niederschlägt. Die versucht, eine wiederaneignehmbare Position zu verbreiten, in der jede/r ihr/sein eigenes politisches Subjekt ist, anstatt hinter Parolen massenhaft das richtige revolutionäre Subjekt zu benennen.

Dies ist kein Mantra, an dem wir im Laufe unserer Erfahrungen festgehalten hätten, sondern eine Position, die umso mehr trägt, wenn sie unsichtbar ist. Wenn wir uns in einer gemeinsamen Abneigung gegenüber der Hegemonie der Soulèvements de la Terre und ihrer Erzählung wiederfinden, hoffen wir, uns noch mehr in gemeinsamen Positionen wiederzufinden, die uns Lust machen, sie zu schärfen und zu bestärken.

Von dieser Position aus erklären wir, warum wir mit den Soulèvements de la Terre nicht einverstanden sind, und zwar weniger, um eine Diskussion mit den Soulèvements de la Terre zu eröffnen, als vielmehr mit den Menschen, denen wir uns nahe fühlen und die auf ihre Events reagieren.

Da wir selbst nicht daran teilgenommen haben, basiert unsere Kritik auf den begeisterten, enttäuschten und traumatisierten Berichten jener, die von den Events zurückkehrten, und auf dem, was sie selbst über ihre Organisation sagen. Wir gehen auch von einem seltsamen Gefühl aus, dass wir unsere Kritik nicht mit einigen Genossinnen und Genossen teilen können, die noch immer dorthin zurückkehren, weil „es nichts anderes gibt“.

Aus politischen Gründen haben wir uns in ihr Buch „Première secousse“ (Erste Erschütterung) vertieft, in dem ihre Positionen erläutert werden, insbesondere um klarer zu sehen, was sie verteidigen und welche Kritik daran geübt wird.

Was in dem Buch vertreten wird, ist ziemlich unverblümt: „[…] Die Zeit der Kompromisse, der Vermittlungen und des sozialen Dialogs“ wird betrauert und ihr Ende als Verlust bezeichnet, als ob „die Regierungslinke und die Gewerkschaften der Mitbestimmung“ vor ihrem Niedergang in den späten 1970er Jahren nicht kritikwürdig gewesen wären. Und als ob ihre Hauptrolle damals nicht die der sozialen Friedensstifter gewesen wäre. Indem sie annehmen, dass sie sich anstelle oder neben den repräsentativen Gewerkschaften als legitimer Gesprächspartner zwischen der Macht und einem Gefühl der Wut etablieren wollen, haben die Soulèvements de la Terre  zumindest das Verdienst, klar Stellung zu beziehen. Nämlich, dass sie letztlich nur die von ihnen organisierten politischen Diskussionsräume existieren lassen, wodurch sie lokale Gruppen und andere Initiativen in ihrer Organisation und Agenda verschlingen und eine verlogene Zusammensetzung erzwingen, in der sich die verschiedenen Positionen nicht selbst benennen können. Denn die Zusammensetzung, an die wir glauben, ist nichts anderes als die, die es in den Kämpfen schon immer gab, d. h. Gruppen mit unterschiedlichen politischen Hintergründen, die mit ihren eigenen Ausdrucksformen koexistieren, was sich die SdT als innovatives Konzept wieder aneignen, indem sie es in den Dienst ihres Programms und dessen reibungslosen Ablauf stellen. Für sie darf es keinen Konflikt zwischen den kämpfenden Personen geben, da die Agenda der SdT Vorrang hat und voranschreiten muss.

Diese Tendenz zur Befriedung spielt sich in der Sache selbst ab, die von den SdT vertreten wird. Wie ihr Name schon sagt und wie in ihrem Buch näher erläutert wird, ist ihr Hauptinteresse die Verteidigung des Landes und des Lebendigen. Als Zugang zu Grund und Boden, als Zugang zu bebaubarem Land und als ökologisches Anliegen, als Verteidigung der Biodiversität oder gegen die Betonierung. Aber es gibt mehrere Dinge, die uns daran stören. Zunächst einmal bleibt es oft bei der Verteidigung des Privaten. Wo eine Autobahn, eine Eisenbahnlinie oder ein Teich gebaut wird, möchten sie, dass der Landwirt das Eigentum behält oder dass die Stadtverwaltung, die Gemeinde, die Verbandsgemeinde etwas anderes mit diesem Land macht. Es geht nicht darum, dieses Land zu entprivatisieren, sondern nur darum, zu beeinflussen, was der neue oder der bereits vorhandene Eigentümer damit machen wird. Dies wird einfach auf einem ‘zu verteidigen Feld’ angesiedelt. Und es ist eindeutig einfacher, mit Gewerkschaften oder Parteien zusammenzuarbeiten, wenn es um die Verteidigung von Land, Leben und Grundbesitz geht, als wenn es darum geht, den Staat und das kapitalistische System anzugreifen. Es ist jedoch nicht so, dass es in den Kämpfen, die nun von den SdT unterwandert werden, nicht schon früher andere Themen und Stimmen gegeben hätte. 

Im Sommer 2021 veröffentlichte die okzitanische Regionalzeitung L’Empaillé einen Artikel über das A69-Projekt. Darin wurde die Erzählung von der Modernisierung und Zivilisierung des ländlichen Raums durch die Geschwindigkeit der Verkehrsströme, die Kosten, die die Maut für Menschen, die in Toulouse arbeiten und in Castres leben (oder umgekehrt), verursachen würde, und die Industrielobby, die hinter dem Projekt steht, kritisiert. Auch wenn die Umweltfrage präsent war, war sie nicht zentral, wie sie es jedoch seit dem Auftreten der SdT in diesem Kampf geworden ist. Und das ist etwas, das immer wieder vorkommt, wenn sie auftauchen, indem sie die soziale Realität, die prekarisierten Menschen oder die Menschen, die es leid sind, für dumm verkauft zu werden, ausradieren, um stattdessen verschiedene Eichhörnchen, Reiher oder sabotierende Otter zum Reden zu bringen. Hier zeigt sich auch das Zielpublikum der SdT, die Mittelschicht, die versucht, ihren Komfort und ihre Vorstellung von Leben und Natur zu verteidigen. Denn der Schutz der biologischen Vielfalt und der Kampf für die Umwelt kann in diesem Rahmen nur eine Nostalgie für ein Bild hervorrufen, das wir einst hatten oder das wir uns von Wäldern, Land, Eisfeldern usw. machen (wie das Konzept der Solastalgie in Erinnerung ruft), gepaart mit einem szientistischen Diskurs, der dazu dient, etwas zu rechtfertigen, was letztlich nur unsere eigene Erhaltung ist. Denn wenn wir realistisch sind, ist es dem Lebenden egal, was passiert, es wird überleben und vor allem uns überleben, in anderen Formen. Der Motor ihrer Organisation beinhaltet also die Möglichkeit eines Arrangements, eines Kompromisses und eines Zusammenschlusses vieler verschiedener Positionen, um hinter dem abstrakten Banner der Verteidigung der Erde zu marschieren. Unsererseits geht es uns jedoch nicht darum, uns einen bequemen Spielraum zu verschaffen oder auf der Grundlage der aktuellen Klimakrise Druck auf Staaten auszuüben. Die Ökologie kann kein revolutionärer Hebel sein und das Soziale nicht ersetzen, denn unser Leid ist – im Gegensatz zu dem, was in den Soziale Bewegungen propagiert wird – nicht die Auswirkung der Erde, die wir verletzen, sondern die Folge von Ausbeutungs- und Herrschaftssystemen, die uns zermürben.

Und wenn sich die SdT als radikale Umweltbewegung bezeichnen, kann man sich fragen, wo die Radikalität liegt, wenn ein Aufstand so vorhersehbar ist, dass er keine Umwälzung hervorruft, außer dass man traumatisiert ist. Es wird nicht das erste und nicht das letzte Mal sein, dass wir das sagen, da wir dieses Gefühl hatten, als wir (jene) Demonstrationen erlebt haben, und jetzt, wo wir die SdT aus der Ferne betrachten. Aber man kann sich das weiterhin fragen, ohne deshalb aufzugeben, wo der Konflikt liegt, wenn man alle Gesten eines Aufstandes für ein Event übernimmt, der nur darauf wartet, die dahinter stehende Organisation zu stärken. Wo manche von der Radikalisierung eines Teils der außerparlamentarischen Linken schwärmen, sehen wir eher eine Auslöschung der Bedeutung der politischen Radikalität.

Der schwarze Block ist nicht an sich radikal, sondern an dem Ort und zu dem Zeitpunkt, an dem er auftaucht. Sein Auftauchen markiert oft den Willen zu polarisieren, zu verhindern, dass ein politischer Ausdruck in einem Dialog mit der Macht gefangen wird, und um einen Bruch zu signalisieren. Heute sind es keine zeitgenössischen Künstler, die einen schwarzen Block in der Vitrine eines Museums für zeitgenössische Kunst eingefroren haben, sondern diese Menschen, die selbst aus diesen Kämpfen hervorgegangen sind. Was wir damit sagen wollen, ist, dass es durchaus Anlass zu Zweifeln gibt, wenn eine ursprünglich subversive Position, eine Art zu Handeln, zu einer Sache wie jede andere wird, die man aus dem großen Werkzeugkasten des Kampfes herauspicken kann.

Achtung, die 80er Jahre haben die Orgas infiziert! Nach den berühmten Büchern, in denen Sie der Held sind, servieren uns die SdT eine wunderbare Demo, in der Sie der Held sind! Der Höhepunkt ist ihre Aktion „Notbremse“ gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke, die zu einem großen Spiel umschrieben wurde, bei dem jeder das finden konnte, was ihn bewegte, indem er aus verschiedenen Minispielen auswählte, die verschiedene Umzüge und/oder Aktionsarten symbolisierten und verschiedene klassische Spielzüge durch Wortspiele aufgriffen (tausend Bremsklötze gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke, giga kapla, dixit naturaliste usw.). Wir wollen nicht darauf verzichten, Spaß in den oft harten und tristen Alltag von Aktivisten zu bringen, aber diese Tendenz, Praktiken auf Werkzeuge zu reduzieren und jede auf einen individuellen Wunsch zu reduzieren, als ob es nicht von politischen Positionen abhinge, die kollektiv getragen werden müssen, hinterlässt einen bitteren Geschmack im Mund.

Ein kleines Intermezzo in der Geschichte des Marketings. Vor einiger Zeit richtete sich die Werbung an bestimmte Bevölkerungsgruppen, indem sie stereotype Figuren darstellte, die Lebensstile und Konsumgewohnheiten repräsentierten, wobei die Hausfrau, der man einen Staubsauger oder eine Waschmaschine verkaufen wollte, das typischste Beispiel war. Mit dem Internet und den Algorithmen war es dann möglich, ein individuelles Werbeprofil zu erstellen, das auf Konsumgewohnheiten (Käufe, digitale Inhalte, Daten usw.) basiert und sich selbst weiterentwickelt. Es ging also darum, jeder Person zu zeigen, dass sie ein vollwertiges Individuum mit eigenem Geschmack ist, dessen glorifizierte Individualität man aufwertet, indem man ihr Produkte und Inhalte anbietet, die speziell auf sie zugeschnitten sind. Diese Kommunikationsstrategie nährt die Social-Media-Organisationen, die jedem Einzelnen einen Teil einer Demonstration verkaufen, der ihm speziell gefällt. Wenn man sich die Stimme eines alten Werbetexters vorstellt, der sagt: „Auch du findest den Demonstrationszug wie für DICH gemacht“, dann ist das lächerlich und kommt der Realität doch erschreckend nahe. Uns wird eine bereits vorgekaute Demo verkauft, bei der es nur noch darum geht, in die richtige Reihe zu kommen, wenn uns gesagt wird, wo wir uns aufstellen sollen. Wir müssen feststellen, dass die Idee, mit einer Position auf eine Demo zu gehen, als etwas, das uns wichtig ist und das wir für wichtig halten, aufgegeben wurde. 

Vielleicht liegt das daran, dass uns gesagt wird, dass jeder willkommen ist, solange er ein kleiner Soldat sein will und sich an die vorgegebenen Rahmenbedingungen hält.

Die Praktiken werden auf einfache persönliche Wünsche reduziert: Das bedeutet, sie zu entpolitisieren, sie aus einem ursprünglichen Kontext herauszureißen und sie zu kommerzialisieren. Da dies eindeutig dem Zeitgeist entspricht, sieht man, wie Genossen immer mehr auf den individuellen Mythos setzen, sich unter den Leuten checken, die dort waren, wo man sein musste, dieser berühmte Aufstand, bei dem du dieses und jenes getan hast und bei dem es darum geht, stolz darauf zu sein, wo die Überproduktion von Bildern zu endlosen Betrachtungen führt, um jede Sekunde, in der man sich selbst auf dem Bildschirm in Aktion sieht, zu identifizieren, und wo die Sucht nach Adrenalin jeden Willen, an einer politischen Position festzuhalten, untergräbt. Das Problem ist nicht, Adrenalin zu empfinden, sich spontan zu Aktionen oder einem Aufstand hingezogen zu fühlen, sondern sich nicht bewusst zu sein oder zu akzeptieren, dass eine politische Organisation zu ihren Gunsten mit dieser Libidinösität spielt, um die Ausschreitungen unter Kontrolle zu halten.

Tatsächlich sind solche Vorschläge das Produkt eines individualistischen Kontexts im Kampf, und deshalb funktioniert es, dass ihre Events selbst unter Genossen so viele Menschen zusammenbringen, dass jede Niederlage [1] kaum die Lust auf die nächste trübt.

Schwarze Blöcke, direkte Aktionen und Sabotage sind Praktiken, die sich in die Geschichte von Kämpfen einschreiben. Wenn sie nicht bestimmten Gruppen oder einer Bewegung angehören, existieren sie in einer Situation, sie sind das Ergebnis kollektiv getragener Ideen. In ihrem Buch zitieren die SdT zahlreiche Referenzen: Sie verankern sich in der Geschichte der Sabotage, der Umweltkämpfe und der Massenbewegungen, ohne jedoch jemals eine politische Verbindung zu knüpfen. Alles ist als Werkzeug gedacht, dessen Ziel eine solide Organisation ist, die legitim erscheinen soll. Was die Geschichte der Sabotage betrifft, so wird daraus festgehalten, dass sie nützlich war und, Hobsbawm zitierend, „wahrscheinlich effektiver als jedes andere Mittel, das VOR der Ära der nationalen Gewerkschaften verfügbar war“. Eine schöne Manipulation der Geschichte. Dann wird der Begriff Sabotage gefeuert, der nun zu veraltet ist, da es darum geht, als legitimer Gesprächspartner aufzutreten, und durch den Begriff Désarmament ersetzt, einen bei den SdT beliebten Neologismus, der „die direkte Aktion in den Hintergrund drängt“. Letztere war früher offensichtlich zu radikal. Sobald sie von der damit einhergehenden Position befreit ist, von der Lesart eines Produktions- oder Reproduktionsverhältnisses, das die Leiber direkt ausbeutet und verletzt, wird sie leichter zu assimilieren sein. Aber die Wiederaneignung und Transformation solcher Referenzen ist in diesem Kontext nicht unbedeutend: Es konzentriert sich einerseits auf den Begriff des Individuums auf Kosten der Realität kollektiver Praktiken und andererseits löscht es den Konflikt zwischen sozialen Klassen, Geschlecht und ‘races’ aus.

Eine der Fragen, die man sich stellen muss, wenn man sich in eine so umfassende Geschichte der Kämpfe einreiht, wie es die SdT tun, ist, wie dieses Wissen und dieses Erbe weitergegeben werden. Sicherlich ist es schwer, einen historischen Kontext, eine Genealogie der Praktiken und eine Position wiederzugeben, wenn man von den Anti-Atomkraft-Kämpfen, dem Luddismus, dem Anarchismus von Pouget und anderen berichtet. Wenn diese Erzählungen jedoch in einen formlosen Wust verwandelt werden, der darauf abzielt, die Praxis der Abrüstung gegenüber den Mittelschichten zu rechtfertigen, die möglicherweise davor zurückschrecken, handelt es sich nicht um ein Erbe, sondern um Entschuldigungen, Appelle an einen Affekt oder Pomade. Die Grundhaltung der SdT ist die Verteidigung der Erde und die Ökologie, aber in dieser Hinsicht wird nur wenig vererbt. Die Spuren sind jedoch vorhanden, da viele Praktiken oder Referenzen von Earth First übernommen wurden, einer radikalen Umweltbewegung, deren englischer Zweig sich stark auf die Frage des Antikolonialismus, den Kampf gegen die Industrialisierung und den Schutz des Landes durch eine Vielzahl von Aktionen gestützt hat. Dieses Erbe führte zur Gründung der Extinction Rebellion, die in England aus Aktivisten um Earth First entstand, die sich auf die Legitimität ihrer Aktionen konzentrierten, indem sie ihre Strategie darauf stützten, vor Gericht gestellt zu werden und eine Verteidigung gegen den Ökozid zu vertreten. Dieser Hintergrund findet sich dann auch in der Gründung der SdT wieder, da sie weitgehend von XR-Aktivisten geprägt wurden. Dies wird jedoch kaum oder gar nicht erwähnt, da die SdT es vorziehen, sich als Erfinder der direkten Umweltaktion zu bezeichnen. Auch hier zeigt sich also eine Art und Weise, ein Erbe zu übernehmen, ohne es vollständig zur Kenntnis zu nehmen und ohne eine Kontinuität herzustellen, und es ist diese Vereinnahmung gegenwärtiger und vergangener Kämpfe und Praktiken, die wir ablehnen.

In ihrem Vorschlag katalysieren die SdT ziemlich viel von der Art und Weise, wie Kämpfe heute neu aufgebaut werden und wie man sich auf sie bezieht. Eine fein gesponnene und vermarktete Organisationsform, die von den jüngsten Tendenzen unter den Autonomen zeugt, eine Form der Vertikalität in Orgas zu suchen oder zumindest die Organisation von Events und Kämpfen bis hin zur juristischen Verteidigung zu delegieren, zu denken, dass alles nur eine individuelle Meinung und eine Form der Libidinösität oder des Konsums der Kämpfe ist, wo jeder kommt, um dort zu sein, wo er sein muss, ohne darüber nachzudenken, was ihn in den Kampf treibt. 

Und im Grunde genommen zeigt ihre Ankunft in einem bereits bestehenden Kampf, indem sie ihre Kraft in dem Spektakel, das sie bieten, zentralisieren, oft auf Kosten einer eigenständigen Position, dass es nur wenige greifbare Konsequenzen aus tiefgreifenden politischen Meinungsverschiedenheiten gibt. Und es ist natürlich nicht die Aufgabe der SdT, unsere Kritik aufzunehmen und sie nach ihrem Gusto neu zu verpacken, sondern es liegt an uns, Konsequenzen aus dieser Kritik zu ziehen. Denn der Kampf ist kein Meinungsbad, in dem jede/r das Recht hat, zu sagen, was ihm/ihr missfällt, ohne dass daraus Konsequenzen gezogen werden – das ist der Unterschied zwischen einer Meinung und einer Position. Und das ist auch der Grund, warum uns in einer autonomen Position oft die Ablehnung des demokratischen Spiels der Linken in ihrer Fähigkeit, Kritik zu integrieren, um sie unhörbar zu machen, verbindet.

Natürlich werden seit einigen Jahren Texte veröffentlicht und viele Kollektive kämpfen weiterhin für das, was sie wollen, ohne sich um diese Ereignisse zu kümmern. Viele von ihnen haben sich dafür entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen, anstatt das Angebot einer Kooperation mit den SdT anzunehmen, was bedeuten würde, ihnen die Erzählung zu überlassen. Warum aber ziehen die Soulèvements de la Terre immer noch wie ein Magnet Gruppen an, die auf den ersten Blick für etwas anderes stehen als für eine Delegierung des Kampfs? Die Zweideutigkeit, die in einer Pseudo-Zusammensetzung zwischen der Linken und der autonomen Bewegung aufrechterhalten wird, scheint mit der Zeit eine anarchistische Sensibilität zu erodieren, die jedoch oft ein Ausgangspunkt für die Konfrontation mit dieser Art von Organisation ist. Vielleicht müssen wir eine Position behaupten, wo eine Sensibilität so leicht untergeht.

Überraschend ist, dass viele Genossinnen und Genossen, die von der Gelbwestenbewegung (GJ) und einer selbstbestimmten Haltung während früherer sozialer Bewegungen begeistert waren, in den Events der SdT aufgehen, ohne darin einen Widerspruch zu den bisher vertretenen Praktiken zu sehen. Das Erbe der Gelbwestenrevolte wird im Klo runtergespült. Denn obwohl die GJ eine Bresche geschlagen haben, wurde diese nicht nur durch die Repression wieder geschlossen. Sobald sie geschwächt waren, hat die kleinbürgerliche Befriedung durch die Klimamärsche und das Spiel der Gewerkschaften ihre Dynamik schließlich weggespült. Dass diese Fähigkeit, sich jeder Vereinnahmung zu entziehen, nicht fortbesteht, liegt auch daran, dass Organisationen wie die SdT bewusst ein vertikales Modell gewählt haben, an das man getrost delegieren kann, und das aus der Herausforderung entstanden ist, politisches Engagement sexy und ästhetisch zu gestalten. 

Die Gelbwestenbewegung hatte für etwas ganz anderes gekämpft. Keine Repräsentativität, keine Delegation. Seitdem sind viele verschiedene Wege eingeschlagen worden, und das Festhalten an einer autonomen Position spiegelt zwar nicht das gesamte Erbe der Gelbwesten wider, aber es bleibt dennoch ein Teil davon. Von diesem Erbe ist eine Kultur der Versammlungen geblieben, in der die Öffnung durch die Tatsache erfolgt, sich zu verorten und sich zu konfrontieren, in der die Horizontalität natürlich nicht absolut ist, aber ein Ziel bleibt. Es bleibt auch die Fähigkeit, sich als Kollektiv zu denken, ohne auf den zu warten, der es legitimiert, eine Strategie zu entwickeln, ohne sich im Begriff des Sieges zu vergessen, und die eigene Verteidigung zu tragen, selbst Jahre nach der Unterdrückung der Bewegung. Nichts ist perfekt, aber das, was in einer Kampfkultur existieren oder fortbestehen konnte, ist es wert, benannt zu werden.

Wenn die Bezugnahme lediglich darin besteht, sich an die Erinnerung an das Gefühl der Freude, der Wut und der emanzipatorischen Möglichkeiten der GJ zu wenden, ohne zu respektieren, was dies ermöglicht hat, ist dies nichts anderes als ein Köder, der für unsere Neurosen ausgelegt wird. Aber vielleicht geht es für uns darum, sie zu bearbeiten und das obsessive Objekt des selbstgenügsamen Aufruhrs zu überwinden, um die Umrisse eines revolutionären Imaginären zu zeichnen. Wenn die SdT sich ein Erbe angeeignet haben, das uns lieb und teuer ist, ist es notwendig, weiterhin andere Räume und eine andere Zeitlichkeit, die unseren Positionen eigen sind, existieren zu lassen.

Derzeit, das müssen wir uns eingestehen, fühlen wir uns wie in einer Flaute. Und diese Zeit ist daher günstig, um uns daran zu erinnern, wie wir die Bewegung zur Rentenreform im Jahr 2023 erlebt haben, und sie mit den Ereignissen der Soulèvements de la Terre zu vergleichen. Denn man kann sich fragen, was uns dazu bewegt, in Gewerkschaftsdemonstrationen zu investieren, wenn wir bei den SdT-Demonstrationen nicht anwesend sind. Die Gewerkschaftsführungen wissen, wie man Misstrauen gegenüber ihrer Fähigkeit weckt, alles zu zerschlagen, was ihnen entgleiten könnte. Oftmals markiert die Tatsache, dass bei den von ihnen organisierten Demonstrationen Ausschreitungen provoziert werden, eine Position der Selbstbestimmung, die polarisieren kann, auch wenn sie natürlich manchmal erwartet wird. Zumindest bis zur letzten Bewegung zur Rentenreform waren die Gewerkschaftszentralen nicht auf spektakuläre Bilder von Ausschreitungen aus, im Gegensatz zu den Soulèvements de la Terre, die ihren politischen Erfolg auf das Bild einer „Radikalität“ stützen, die mit Positionen komponiert, die weniger radikal wären. Wenn die Bewegung zur Rentenreform von Gewerkschaften getragen wurde, muss man auch bedenken, dass dies daran liegt, dass es eine rechtliche Abhängigkeit von ihnen gibt, um beispielsweise einen Streik auszurufen. Aber auch hier muss zwischen einer Basis- und einer Zentralgewerkschaft unterschieden werden. Die Basisgewerkschaft Sud positioniert sich oft einfach als Instrument, das Streiks mit einem Minimum an gesetzlichem Schutz ermöglicht. So gab es beispielsweise im Jahr 2023 vor der Bewegung zur Rentenreform sehr viele selbstorganisierte Streiks von Arbeitnehmerinnen. Sud stellte lediglich die Vorankündigungen aus, die den verschiedenen streikenden Kollektiven einen gesetzlichen Schutz ermöglichten. Natürlich könnte man sagen, dass wilde Streiks wie die der 70er und 80er Jahre ein größeres Potenzial hätten. Aber man darf nicht vergessen, dass es in der Zwischenzeit eine sehr konsequente kapitalistische Umstrukturierung durch die Globalisierung und die damit einhergehende Verlagerung von Arbeitsplätzen, die Automatisierung und heute die Digitalisierung gegeben hat, die die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer prekarisieren und in ein stärkeres Konkurrenzverhältnis bringen als vor 50 Jahren. 

Etwas weiter oben war von Niederlagen die Rede, die man bei den  Soulèvements sieht, und vielleicht könnte man das auch von der Bewegung zur Rentenreform sagen. Aber uns scheint, dass in diesem Punkt der Unterschied darin besteht, dass die Siegesrhetorik der SdT auf die Erhaltung ihrer Organisation abzielt, auf die Erhaltung eines Medienimages und einer Vorstellung von Glaubwürdigkeit, und dass es innerhalb dieser Proteste keine andere Rhetorik geben kann. Und wenn dieser Begriff nicht aus unseren Überlegungen verbannt werden soll, dann müssen wir uns fragen, was wir als Sieg bezeichnen, was uns bewegt und was fortbesteht, wenn die Repression und die Wolken aus Staub, Schutt und Tränengas sich langsam gelegt haben.

Für uns ist das, was wir aus der Bewegung zur Rentenreform mitnehmen und was unsere Präsenz auf den Demonstrationen motiviert hat, die Möglichkeit, den gewerkschaftlichen Rahmen in einem Kontext von Sparplänen zu überschreiten, in dem die Rente als materielle Würde charakterisiert wurde, die wieder auf das Schlachtfeld der Straße gebracht werden muss. Sicherlich ist die soziale Bewegung in ihrer Gesamtheit nicht über die Forderung nach einer Rente mit 62 Jahren, manchmal wahnwitzigerweise mit 60 Jahren, hinausgegangen. Die Möglichkeit eines sozialen Umbruchs hat sich nicht wirklich als Horizont herausgebildet. Vielleicht färbt die Epoche auf das ab, was man sich vorzustellen wagt oder nicht: In den letzten Jahrzehnten kann man sagen, dass eine revolutionäre Perspektive in Bewegungen, die sich nicht wirklich eine andere soziale Situation vorstellen können, schwer zu erspüren ist.

Aber auch wenn der Horizont während der letzten Bewegung zur Rentenreform kaum über den Rahmen einer von den Gewerkschaftszentralen aufgestellten Forderung hinausging, waren die Versuche und die Suche nach anderen autonomen Stimmen vielfältig und nicht nur von Krawallen geprägt. In mehreren Städten kam es zu Besetzungen von Universitäten, die Orte der Organisation, des Austauschs von Praktiken und Wissen, der Geselligkeit, kurz gesagt, echte Resonanzkörper für umfassendere Forderungen rund um die Frage der Arbeit, unserer Existenzbedingungen, unserer Unsicherheiten und Galeeren, aber auch rund um das, was als weitergehendes Ziel als der einfache Slogan der Rente mit 60 angestrebt wurde, und wie man dorthin gelangen kann, boten. Man hat auch gesehen, dass beispielsweise in Lyon Versammlungen ihre eigenen Demonstrationen vorschlugen und über die Bewegung hinaus fortbestanden. Zugegebenermaßen blieben diese Initiativen innerhalb der Bewegung in der Minderheit und konzentrierten sich auf die Rücknahme der Reform oder, was die Gewerkschaftsverbände betrifft, auf eine einfache Eroberung der öffentlichen Meinung, um die Zahl ihrer Mitglieder zu erhöhen. Aber auch in der Minderheit entstanden und bestehen bleibende Solidaritäten. Und aus den Diskussionen und Praktiken sind manchmal Positionen hervorgegangen. Es sind Dinge geblieben, die uns am Herzen liegen, und vielleicht haben wir gerade deshalb, weil sie uns wichtig sind und weil wir wussten, dass wir dies nicht einfach taten, um auf eine Bewegung zu reagieren, sondern weil es zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Möglichkeit gab, kollektiv mehr Einheit zu bilden, Kraft und Freude darin gefunden und es nicht vollständig als Niederlage erlebt. Denn um über Sieg oder Niederlage zu sprechen, kann man sich nicht auf ein Absolutes beziehen, auf eine Art und Weise, wie die Dinge geschehen, die grundsätzlich ein Erfolg oder ein Misserfolg wäre, sondern man muss sich zu mehreren die Frage stellen, was man sucht und was man erreichen will.

Eine andere Stimme konnte also existieren, wie uns das Beispiel der GJ-Bewegung, wie wir sie erleben konnten, gezeigt hat, aber diese Stimme ging in der Unterdrückung und Neuformierung der nachfolgenden Bewegungen durch die linken Organisationen verloren, wodurch das jüngste Erbe sabotiert wurde. Heute ist eine Allgegenwart von Soulèvements de la Terre als zentralisierende Organisation zu beobachten, die lokale Kämpfe nivelliert und mit viel Marketingspektakel einen ökologischen Diskurs durchsetzt, der sich von der Analyse der materiellen Bedingungen löst. Aber diese Abhängigkeit ist nicht neu und kann daher reflektiert werden. Durch Versammlungen, die von dem ausgehen, was uns politisch bewegt, indem wir unsere eigenen Texte schreiben oder zumindest versuchen, andere Momente zu schaffen, um uns von einer hegemonialen politischen Strategie zu verabschieden, und indem wir die Antirepression und die Erzählung dessen, wofür wir uns einsetzen, nicht delegieren. Die Herausforderung besteht also darin, eine autonome Position zu verteidigen, wenn diese für ihre Ästhetik und ihre Praktiken vereinnahmt wird. In eigenen Räumen Verbindungen zu erzeugen, wo sich die Zentralität der SdT selbst im Bedürfnis nach Geselligkeit durchsetzt. Sich an einem Imaginären zu versuchen und die Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen, wenn Radikalität nur als Bestandteil von Druck im Hinblick auf einen Dialog mit dem Staat eingesetzt wird.

Anmerkungen

[1] Wir sprechen hier von einer Niederlage als Antwort auf ihre Siegesrhetorik und angesichts der Menge an Verletzten, Verhafteten und der bei ihren Events eingesetzten Energie, aber wir werden in einigen Absätzen noch weiter auf diese Frage eingehen. 

Dieser Text wurde am 9. März 2025 anonym auf Paris-Luttes.Info (https://paris-luttes.info/faut-il-faire-feu-de-tout-bois-une-19110?lang=fr) veröffentlicht, Bonustracks übertrug den Text ins Deutsche. 

Allegorie der Politik

Giorgio Agamben

Wir alle befinden uns in der Hölle, aber manche Menschen scheinen zu glauben, dass es hier nichts weiter zu tun gibt, als die Teufel, ihr abscheuliches Aussehen, ihr grausames Verhalten und ihre heimtückischen Machenschaften zu studieren und genau zu beschreiben. Vielleicht machen sie sich auf diese Weise vor, dass sie der Hölle entkommen können, und merken nicht, dass das, was sie ganz und gar beschäftigt, nur die schlimmste der Strafen ist, die sich die Teufel ausgedacht haben, um sie zu quälen. Wie der Bauer in der kafkaesken Parabel zählen sie lediglich die Flöhe am Revers des Wächters. Es versteht sich von selbst, dass diejenigen in der Hölle, die stattdessen ihre Zeit damit verbringen, die Engel des Himmels zu beschreiben, ebenfalls im Unrecht sind – auch dies ist eine Strafe, die zwar weniger grausam erscheint, aber nicht weniger abscheulich ist als die andere.

Die richtige Politik liegt in der Mitte zwischen diesen beiden Qualen. Sie beginnt damit, dass wir wissen, wo wir sind und dass wir der Höllenmaschine, die uns umgibt, nicht so leicht entkommen können. Von Dämonen und Engeln wissen wir alles, was es zu wissen gibt, aber wir wissen auch, dass die Hölle mit einer trügerischen Vorstellung vom Paradies erbaut wurde und dass jede Verdichtung der Mauern von Eden mit einer Vertiefung des Abgrunds von Gehenna einhergeht. Über das Gute wissen wir wenig, und es ist kein Thema, in das wir uns vertiefen können; vom Bösen wissen wir nur, dass wir selbst die Höllenmaschine gebaut haben, mit der wir uns quälen. Vielleicht hat es eine Wissenschaft von Gut und Böse nie gegeben, und in jedem Fall sind wir hier und jetzt nicht daran interessiert. Wahres Wissen ist keine Wissenschaft – es ist vielmehr ein Ausweg. Und es ist möglich, dass dies heute mit einem hartnäckigen, klaren Widerstand vor Ort einhergeht, der schlagfertig ist.

8. März 2025

Übertragen aus dem italienischen Original von Bonustracks. 

Der „strategische“ Rückzug

Die Konfrontation zwischen Trump, unterstützt von JD Vance, und Zelensky wird weltweit ausgestrahlt.

In zwanzig Minuten wird die Divergenz zwischen zwei Versionen der westlichen Vorherrschaft deutlich. Wenn Trump Zelensky vorwirft, mit dem Dritten Weltkrieg zu spielen, dann schaut er in Wirklichkeit Biden und der Doktrin der Neocons in die Augen, die über die beiden Parteien der amerikanischen Politik hinausreicht. Trump „externalisiert“ den Konflikt um die US-Außenpolitik, indem er Zelensky, der sein Spiel zweifellos in diesem Rahmen gespielt hat, für die Verantwortlichkeiten der vorherigen Regierung verantwortlich macht. Dadurch wird die Möglichkeit eines „strategischen“ Rückzugs sichergestellt.

Was wir gestern gesehen haben, unterscheidet sich nicht wesentlich von den Flugzeugen, die Kabul während der Biden-Regierung überstürzt verlassen haben. Aber der neue Bewohner des Weißen Hauses ist sich des Preises bewusst, den sein Vorgänger dafür gezahlt hat, dass er Afghanistan nach zwanzig Jahren Krieg auf diese Weise den Taliban überlassen hat, und er zieht die Show ab, die gestern inszeniert wurde. Trump erklärt es in aller Ruhe: entweder Frieden zu unseren Bedingungen, oder Krieg ohne uns. Mit diesem Schritt sichern sich die Vereinigten Staaten die Möglichkeit einer Ausstiegsstrategie aus dem Krieg in der Ukraine, ohne mit irgendjemandem vermitteln zu müssen und ohne einen hohen Preis in Bezug auf die Meinung ihrer Wählerschaft zu zahlen.

In diesem Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass die Zinszahlungen für die US-Staatsschulden zum ersten Mal die Militärausgaben im US-Haushalt übersteigen. Die (zu spielenden) Karten sind knapp und die Prioritäten der US-Außenpolitik müssen überdacht werden: In Trumps Vision kann man nicht länger einen Krieg gegen Russland führen, während sich der Wettbewerb mit China verschärft.

Die gestrige Pressekonferenz bestätigte auch die völlige Erfolglosigkeit der europäischen Staats- und Regierungschefs, die in den letzten Tagen versucht haben, Trump von einer anderen Haltung zum Krieg in der Ukraine zu überzeugen. Die Flüge von Macron und Starmer in die USA waren völlig nutzlos, ja wahrscheinlich sogar kontraproduktiv für die Sache, für die sie eintraten. Die europäische Kriegspartei führt den Kontinent genau dorthin, wo die USA ihn haben wollen, wo wir alle wirtschaftlichen, politischen und sozialen Kosten dieses Krieges zahlen werden. Vielleicht ist die herrschende Klasse in Europa immer noch davon überzeugt, dass es sich bei Trump um einen Bluff eines erfahrenen Geschäftsmannes handelt, der den Verhandlungspreis erhöhen will und hofft, ihn mit einer Mischung aus Unnachgiebigkeit und Herablassung zu milderen Tönen zu bewegen. Die Realität ist, dass der neue US-Präsident die europäischen Verbündeten meist als teure und zunehmend unrentable Investition betrachtet. Europa, das besser in einzelne bilaterale Beziehungen aufgeteilt wäre, muss zahlen und zwar teuer, wenn es weiterhin in den Genuss des militärischen und wirtschaftlichen Schutzes der USA kommen will. Aber man sollte nicht nur auf das Hier und Jetzt schauen, die Falle für die EU wurde von Biden gestellt, Trump zieht nur am Seil ohne die Samthandschuhe. Das ist das katastrophale Bild, in das uns die herrschende Klasse unserer Länder hineingeworfen hat, während viele in unseren Breitengraden immer noch dem Schwachsinn vom Krieg zwischen Demokratien und Autoritarismus Glauben schenken.

Wie und zu welchem Preis die EU „Sicherheitsgarantien“ (d. h. die Fortsetzung des Krieges jetzt oder in Zukunft) übernehmen will, bleibt ein Rätsel. Die Möglichkeiten der „strategischen Autonomie“ verschwanden in den Monaten vor Kriegsbeginn und nach dem Scheitern der Friedensgespräche 2022.

Während wir hören, wie sich die europäischen Herrscher nach einer nicht mehr erwiderten Liebe sehnen, sollten wir uns fragen, wie wir eine „strategische Autonomie“, in diesem Fall eine „strategische Autonomie“ der Volksschichten des Kontinents gegenüber der ordoliberalen Technokratie aufbauen können, die, um auf dem internationalen Markt noch etwas zu gelten, von unserem schlimmsten Albtraum träumt: einem militarisierten Europa in einer aufgestellten Kriegswirtschaft.

Veröffentlicht am 1.März 2025 auf Info Aut, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.

Griechenland: Anarchistische Betrachtungen zu den Tempi-Riots

Rob Ray

Am zweiten Jahrestag des Tempi-Zugunglücks haben in Athen, Thessaloniki und anderen griechischen Städten Massendemonstrationen stattgefunden. Siebenundfünfzig Menschen kamen ums Leben, als ihr Personenzug am 28.Februar 2023 mit einem Güterzug kollidierte, und die Wut über die Tragödie ist gewachsen, während gleichzeitig eine Reihe von Versäumnissen bei der Verbesserung der Streckensicherheit, bei der Vorlage der Ergebnisse einer formellen gerichtlichen Untersuchung oder bei der Verurteilung von Personen für ihre Rolle bei der Verursachung des Unfalls zu verzeichnen ist.

Mit Hunderttausenden von Menschen, die in 200 Städten und Dörfern auf die Straße gingen, und einem Generalstreik, der die Infrastruktur lahmlegte, haben die Proteste den Charakter eines allgemeinen Protests gegen die Regierung Mitsotakis angenommen, der sich an die allgemeinen Proteste vom Januar anschließt.

Die griechischen Medien haben sich in ihren Berichten durchweg auf die Ausschreitungen konzentriert, die im Laufe des Tages in Athen aufflammten. Entgegen den weit verbreiteten Versuchen, die groß angelegten Ausschreitungen im Stadtzentrum als das Werk von Provokateuren darzustellen, haben sich griechische anarchistische Gruppen zu der Situation geäußert. Das Void Network sagte in einer Erklärung:

„Die größten Proteste, die es je in diesem Land gegeben hat, haben in gewisser Weise bewiesen, dass die große gesellschaftliche Mehrheit ein Leben fordert, das sich von dem unterscheidet, das uns von korrupten Politikern und dreckigen Geschäftsleuten aufgezwungen wird. Wir kämpfen zu Millionen für ein Leben in Solidarität, Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit.

Wenn die radikalsten Teile der Linken und des Anarchismus irgendetwas zu bieten haben, abgesehen von unserer Beteiligung und der Ermächtigung einer Bewegung, die ‚Gerechtigkeit‘ für das Verbrechen von Tempe fordert, dann ist es genau die Ersetzung dieser Idee durch eine Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, die in der Lage ist, grundlegende staatliche und soziale Rechte einzufordern, unabhängig von und jenseits der nationalen Identität, jenseits der durch den Souverän gesetzten und erzwungenen Begrenzungen.

Um dies zu erreichen, müssen die radikalen Kräfte jedoch über müde Slogans hinausgehen, die lediglich ihre Identität bekräftigen, sowie über die Tendenz, den sozialen Rand zu idealisieren, die in ihnen vorherrscht. Denn was ist die Begrenzung der Art von Menschen, die auf den Plätzen erschienen sind? Ihr klassisch sozialer Mehrheitscharakter ist gleichzeitig ihre wahre Kraft. Eine kollektive Kraft, die nicht nur auf politischer Ebene bedeutende institutionelle Veränderungen herbeiführen will, sondern langfristig eine radikale Umgestaltung unseres Lebens und der Produktionsweise anstrebt.

In dem düsteren historischen und globalen Umfeld, das sich abzeichnet, ist diese Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, diese „vorläufige“ Perspektive, vielleicht das Zeitgemäßeste, was es gibt.

Gerechtigkeit ist nicht nur ein Ziel, sondern ein Prozess, der sich durch Freiheit, Gleichheit und Solidarität entwickelt. Gerechtigkeit kann nicht von einer zentralen Behörde oder einem hierarchischen System aufgezwungen werden. Sie muss vielmehr aus den Communities hervorgehen, aus den kollektiven Bemühungen der Menschen, die frei und bewusst für das Gemeinwohl handeln.

Die Verbrechen des Staates werden verschleiert, um die Mechanismen zu schützen, die der systemischen Ungleichheit und Ausbeutung, den Privilegien der Mächtigen, den Tagen und Nächten der Mühsal und Qual von uns allen zugrunde liegen.

Soziale Gerechtigkeit, die wir auf der Straße einfordern, ist nicht Gleichheit in der Unterdrückung, sondern die Fähigkeit eines jeden Menschen, in Würde, ohne Ausbeutung und ohne Angst zu leben. Es geht darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Ressourcen gerecht verteilt sind, in der Arbeit frei und kreativ ist und in der die Beziehungen zwischen den Menschen auf Vertrauen und Solidarität beruhen.

Gerechtigkeit kann es ohne Gleichheit und Freiheit nicht geben.

Soziale Gerechtigkeit ist nicht nur eine Theorie, sondern eine Praxis, die ständige Anstrengungen und eine Revolution gegen jede Form der Unterdrückung erfordert. Wir müssen Hierarchien in allen Lebensbereichen abschaffen, Systeme zerstören, die Ungleichheit aufrechterhalten, und eine Gesellschaft aufbauen, die auf Selbstverwaltung, gegenseitiger Hilfe und Fürsorge beruht.

In einer solchen Gesellschaft wird die Gerechtigkeit nicht in den Händen korrupter Politiker, Mafiosi und Schurken liegen, sie wird keine abstrakte Idee sein, sondern eine lebendige Realität, die sich durch Erfahrung und die gleichberechtigte Teilhabe aller entwickelt. Es wird eine Gesellschaft sein, in der niemand reich sein wird, während andere hungern, und in der niemand Macht über andere hat.

Soziale Gerechtigkeit ist die Freiheit, ohne Angst und ohne Unterdrückung zu leben, zu gestalten und zusammenzuarbeiten. Sie ist das Versprechen einer Gesellschaft, die auf Liebe, Solidarität und Respekt für jeden Menschen beruht. Und diese Gesellschaft wird nicht vom Himmel fallen, sondern aus den Herzen und Taten von uns allen geboren werden.“

Auf Athens Indymedia wird in einem scharfsinnigen Essay eine klare Linie zwischen der arroganten Vertuschung von Polizistenmorden durch die Regierung und der Vertuschung von institutionellem Fehlverhalten gezogen. In dem Artikel ruft die Offene Versammlung zur staatlichen Ermordung von Kostas Manioudakis dazu auf, scheinbar disparate Kampagnen zu verbinden:

„Der Fall Tempi verdichtet – in höchstem Maße – die grundlegenden Merkmale des allumfassenden Angriffs des Staates auf das Leben der unteren Klassen:

  • Im Mittelpunkt steht die neoliberale Politik, die den schrittweisen Rückzug des Sozialstaates beinhaltet, wobei die Kosten auf die unteren sozialen Schichten abgewälzt werden; eine Politik, die so weit geht, unser Leben als ‘entbehrlich’ zu bezeichnen.
  • Das Kommunikationsmanagement des Staates zeichnet sich vor allem durch Arroganz aus, die so weit geht, dass mehrschichtige Vertuschungsmechanismen geschaffen werden, um einerseits die Profite des Kapitals zu schützen und andererseits die kriminellen Verantwortlichkeiten der Staatsbeamten und ihrer Kollaborateure zu verschleiern.

Die Vertuschung ist eine ‘übliche’ Methode des griechischen Staates, die in den letzten Jahren bei staatlichen und kapitalistischen Verbrechen häufig angewandt wurde, da es keinen sozialen Widerstand gab. Dabei werden hochrangige Regierungsbeamte, Richter, Staatsanwälte, Polizeibeamte, Journalisten und Gerichtsmediziner tätig, die jeweils eine ganz besondere und spezifische Rolle in diesem Prozess spielen. Das Muster der Vertuschung umfasst das Verschweigen, die Veränderung oder die Vernichtung von Beweisen (das auffälligste Beispiel ist die Räumung der Unfallstelle) und die gleichzeitige Verbreitung des staatlichen Narrativs durch die Medien (mit Hinweisen auf ‘tragisches menschliches Versagen’ des Bahnhofsvorstehers oder ‘Silikonöle, die die Explosion verursacht haben’).

Der Fall der staatlichen Ermordung von Kostas Manioudakis im September 2023 in Vryssas ist ein solches Beispiel, das genau demselben Muster folgt: Damals prügelten die Polizisten der Polizei von Souda, Stelios Lianidakis, Manolis Georgiadis, Konstantina Moschou und Iosif Tsichlakis, den 58-jährigen Kostas Manioudakis zu Tode. Sofort wurde ein Mechanismus in Gang gesetzt, der dafür sorgte, dass die Erzählung vom ‘plötzlichen Tod einer Privatperson’ während einer Polizeikontrolle an die Öffentlichkeit gelangte, was der Gerichtsmediziner Stamatis Belivanis zunächst bestätigte. Weitere Schlaglichter auf diese Vertuschungsaktion sind:

  • Die Tatsache, dass am Ort der ‘Stichprobenkontrolle’ nie eine Autopsie durchgeführt wurde, obwohl Zeugenaussagen belegen, dass die Polizisten das Blut noch in der Mordnacht beseitigt haben
  • Die politische Deckung der Polizisten, die Kostis ermordet haben, durch die jeweiligen (stellvertretenden) Minister des Justizministeriums – im Allgemeinen und im Besonderen
  • Der Versuch, Zeugen, Familienangehörige und Mitglieder der offenen Versammlung durch Drohungen und Klagen zum Schweigen zu bringen und einzuschüchtern – für deren Ausübung die Polizisten nicht einmal die finanziellen Kosten tragen
  • Und die jüngste Weigerung der Justizbehörde, die vier mörderischen Polizisten zu suspendieren.

Die Familie von Kostas Manioudakis hat, wie die Familien der Opfer von Tempe, einen Kampf um Gerechtigkeit für ihre eigenen Toten begonnen. Ein Kampf, der mit der Trauer verwoben ist und es schafft, mit der Gesellschaft ins Gespräch zu kommen und Wege des Widerstands zu eröffnen.

In den letzten eineinhalb Jahren haben wir durch den Kampf gegen die Vertuschung der staatlichen Ermordung von Kostas Manioudakis verstanden, dass wenn Abgeordnete, Minister oder der Premierminister von ‘Gerechtigkeit’ sprechen, sie die Justiz meinen. Sie meinen die institutionalisierte Macht, die die ‘Gerechtigkeit’ so verteilt, dass sie systematisch der staatlichen Politik und den kapitalistischen Diktaten dient. In diesem Zusammenhang ist uns klar, dass die Gerechtigkeit im Fall Tempi nicht hinter verschlossenen Türen zu finden sein wird.

Wir erkennen an, dass die Besonderheiten und der Einsatz des juristischen Kampfes, je nach Zeitphase, dazu beitragen, dass solche Fälle in die Öffentlichkeit zurückkehren und mit einem Gerechtigkeitsgefühl interagieren, das die soziale Vorstellungswelt durchdringt. Wir erkennen an, dass ein ‘positiver’ Ausgang vor Gericht eine Plattform für ähnliche Fälle in der Zukunft bieten kann. Wir sind uns schließlich bewusst, dass ein möglicher Freispruch der Täter die offizielle (Mit-)Vertuschung gerichtlich besiegeln wird.

So befriedigend ein gerichtlicher ‘Sieg’ als juristische Anerkennung des sozialen Widerstands auch sein mag, er wird unserer Vorstellung von Gerechtigkeit nicht gerecht werden. Wir haben kein Vertrauen in die Institutionen der Ziviljustiz. Was auch immer in geschlossenen Gerichtssälen geschieht, wir bestehen darauf, dass der Gerechtigkeit durch kollektive Prozesse auf der Straße Genüge getan wird.“

Veröffentlicht in Englisch auf Freedom News am 28. Februar 2025, ins Deutsche übertragen von Bonustracks. 

Ein weiterer Tag im Knast

Cesare Battisti

Lange her sind jene Zeiten, als es alleine in Westberlin mehr als ein Dutzend Knastgruppen gab. Aus der Unmittelbarkeit des Zusammenstoßes ‘der Bewegung’ mit dem Staat und seiner gewaltförmigen Verfasstheit ergab sich das angesichts von aberhunderten Verfahren gegen Menschen aus der Bewegung und Dutzenden von gefangenen Gefährt*innen als unmittelbare Notwendigkeit. Lange her auch jene rebellischen Zeiten in den Knästen, in denen es ständig Revolten in den Haftanstalten gab, sich dem Hungerstreik der Gefangenen aus der Guerilla 1981 zugleich hunderte sogenannte soziale Gefangene aus dem “Normalvollzug” mit eigenen Forderungen anschlossen. 

Leider auch völlig in Vergessenheit geraten der jahrelange Kampf der inhaftierten Frauen gegen den neuen Frauenknast in Plötzensee der u.a. die Erfahrungen aus der Isolationshaft für die politischen Gefangenen auf die Konzeption eines neuen generalisierten Knastregimes für hunderte “soziale” Gefangene übertrug. Sichtblenden an den Zellenfenstern, Kleingruppenisolation, ständige Überwachung und Auswertung jeglicher sozialen Regung. Noch Jahre nach der Verlegung von der Lehrter Straße in die “Plötze” haben Gruppen von inhaftierten Frauen mit Hungerstreiks, Revolten und anderen Aktionen gegen das neue Knastregime gekämpft. Und wie viele Male fanden sich wie selbstverständlich hunderte von solidarischen Menschen aus der autonomen und antiimperialistischen Szene des Tages mit Parolen und Musik aus dem Lautsprecherwagen und des Nachts mit
Feuerwerk an den Knastmauern dort in diesem Niemandsland an der Stadtautobahn ein.  

Nun sitzen wieder rund ein Dutzend Menschen aus der antifaschistischen Szene sowie Daniela Klette, eine Gefährtin aus den ehemaligen “illegalen Zusammenhängen” im Gefängnis, nach etlichen weiteren wird gefahndet. Ohne Frage werden alle, die es ernst meinen mit dem Widerstand gegen das System, nicht umhin kommen, sich wieder grundsätzlich mit dem sozialen Terrain des Knastes zu befassen. 

“Wohin lassen wir uns treiben von Angst und Verzweiflung? Ich habe selbst in den letzten Wochen erlebt wie diese es vollbringen Geist und Körper zu lähmen, wie sie mich dazu bewegten die Hoffnung an den Nagel zu hängen und mich abzuwenden vom Leben. Doch dann habe ich an dem Ort, wo seit Monaten kein Sonnenstrahl hinfällt eine zarte Pflanze keimen sehen, wissend der Winter wird weichen. An ihrer Seite musste ich mir eingestehen, dass – sei dieser Ort noch so Hölle auf Erden – dort Blumen gedeihen können, ob in Mauerritzen oder in meinem Sein.”

Maja – Erklärung in der Vorverhandlung am 21. Februar 2025 in Budapest 

Ein Gefangener, der wie Daniela Klette “aus der Zeit gefallen ist”, weil die Gründe seiner Inhaftierung etliche Jahrzehnte zurückliegen, ist Cesare Battisti, ehemaliger Militanter der “Proletari Armati per il Comunismo”, den sie in ein Loch geworfen haben, aus dem er zu Lebzeiten nicht mehr herauskommen soll. Eine weitere Übersetzung einer seiner Briefe aus dem Gefängnis.

S.L.

Die auf ein Laken reduzierte Matratze erträgt Tschechows Humor schlecht, ich schließe das Buch und denke wieder an die Leere. An die Gefängnisse, die ständig überfüllt sind, weil man nicht weiß, wohin mit all den eingelagerten Körpern. Es ist eine zusätzliche Überfülle, und doch herrscht gerade hier die Leere. Wir sind Schatten, wir besetzen den Raum nicht, wir verdunkeln ihn kaum. Jeder versucht auf seine Weise, das, was von ihm übrig geblieben ist, unter dreihundert Tropfen Valium, in dem Schluck Methadon, der von zehn anderen Mündern erbrochen wird, auszulöschen. Oder, wie Hasnawi gestern, als er mit einer Rasierklinge das Fentanylpflaster mit einem Stück Haut seines schlafenden Zellengenossen aufgeschnitten hat. Das ist das Gefängnis, die Parenthese, an die wir immer wieder glauben wollen, während es angemessener wäre zu sagen, dass die wirklichen Parenthesen die immer kürzeren sind, die die meisten von uns auf freiem Fuß verbringen.

Hasnawi ist ein guter Kerl, er hatte einen Darmverschluss, weil er etwa zwanzig Batterien verschluckt haben soll und diese seinen Darm durchlöchert haben. Tausendmal am Tag läuft er durch den Korridor und sucht nach Tabletten und allem, was er sonst noch schlucken kann. Er kommt zu mir auf der Suche nach Zucker für die nächste Ladung Schnaps. Ich muss ihm schon hundertmal gesagt haben, dass ich keinen Zucker verwende, aber er vergisst es immer und kommt wieder und fragt.

„Wie ist die Sache mit dem Pflaster gelaufen?“, frage ich ihn, um ihn nicht im Regen stehen zu lassen.

Hasnawi Miene hellt sich auf, die Operation wurde vielfach kommentiert und sogar mit Bewunderung aufgenommen.

„Er schlief tief und fest, das Pflaster befand sich auf seiner Schulter und war gut sichtbar. Ich habe versucht, es langsam abzuziehen, aber es ließ sich nicht lösen, also habe ich die Rasierklinge benutzt.“

„Aber sie mussten ihm Medikamente geben, er hat geblutet.“

„Nun ja, meine Hand hat ein bisschen geblutet, aber er hat es nicht einmal bemerkt, wie man sieht, brauchte er das Pflaster nicht mehr. Aber du, wie kommst du eigentlich ohne Zucker aus?“

Er geht ein wenig entnervt. Aus dem Buch, das auf der Matratze liegt, höre ich Tschechow murmeln: „Ich habe schon so lange keinen Champagner mehr getrunken“. Und ich sehe, wie er das Glas an die Lippen führt und trinkt. Wenige Augenblicke später nimmt seine Olga ihm das leere Glas ab und stellt es auf den Nachttisch. Er rollt sich auf die Seite, schließt die Augen und seufzt. Im nächsten Augenblick hat er aufgehört zu atmen. Knackig bis zum Schluss; aber wer weiß, ob Tchechow wirklich gehen wollte?

Ich verweile noch eine Weile und betrachte diesen Tag wie hundert andere auch. So lange, bis einer nach dem anderen vergeht, aber wenn ich sie alle zusammen betrachte, ergeben sie nicht einen einzigen Tag. Die Scherze der Zeit, nach so vielen Hauskalendern sollte ich an sie gewöhnt sein. Stattdessen bin ich bei jedem Blattwechsel überrascht, eine weitere Woche ist vergangen, oh mein Gott, es war gestern!

Selbst bei den Zeitungen komme ich durcheinander, es kommt vor, dass ich die letzten Ausgaben auf einmal bekomme. Ich breite sie alle auf dem Bett aus und sortiere sie dann nach abnehmendem Datum; ich möchte mit meinen Händen durch die Zeit blättern. Die Daten oben auf der Seite lügen nicht, aber die Nachrichten sind alle gleich. Es ist deprimierend. Ich drehe die Reihenfolge um, mische sie, schlage eine zufällige Seite auf und lese die Schlagzeile eines Krieges. Es ist ein anderer Krieg, aber die Opfer sind dieselben wie gestern und morgen. Nur die Namen ändern sich, und um zu spüren, wie die Zeit vergeht, muss ich die Todesanzeigen lesen. Oder die Seiten, die ich gestern geschrieben habe und die mir heute bedeutungslos erscheinen.

„Gesegnet seid ihr, die ihr gerne schreibt“, höre ich von Zeit zu Zeit von einer Seele, die etwas Frieden sucht. Ich habe keine Lust, ihn zu enttäuschen, indem ich über die Qualen spreche, zwei Gedanken aneinanderzureihen. Von der Erniedrigung oder der unerträglichen Hilflosigkeit, wenn ich bei einer Suche vor meinem zertrümmerten PC stehe. Von den neu zu erstellenden Seiten und der rückläufigen Zeit. Das kann ich denen nicht sagen, die mich mit den hoffnungsvollen Augen eines Bettelkindes ansehen und deren Hände zittern. Obwohl es hier nicht darauf ankommt, was man sagt, sondern darauf, irgendetwas zu sagen, um die Leere zu füllen.

In der Zwischenzeit dreht sich die Welt und spuckt Schändlichkeiten aus. In dem Moment, in dem sie geschehen, sind die heutigen Ereignisse bereits Nachrichten. Selbst in einer Zelle glauben wir, ständig verbunden zu sein, obwohl dieser Glaube nicht ganz dasselbe ist wie das Leben in der Welt. Unser Leben hinter Gittern fließt auseinander, während das Fernsehen uns mit verheerenden Nachrichten bombardiert, die wir als freie und normale Menschen aufnehmen und manchmal sogar mit aufrichtiger Leidenschaft kommentieren. Verbrannt von den Flammen, die sie verschlingen, schlucken wir die Welt, die aus den Fugen gerät, und suhlen uns in der bürgerlichen Verantwortung, bis die trübe Vergessenheit der Gefangenschaft uns sagt, dass nichts von dem, was geschieht, uns wirklich betrifft.

Für den Geist in Ketten gibt es kein so großes Unglück, das ihn von den Qualen der verwehrten Freiheit ablenken könnte. Doch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, könnte unser Zustand sogar von Vorteil sein, um klar zu sehen: Außerhalb der Welt, d.h. mit dem Abstand, den das Gefängnis vorschreibt, sollten wir einen privilegierten Blick auf die globale Komplexität haben. Aus dem ungehinderten Fluss des Lebens heraus sollten wir in der Lage sein, die von den Veränderungen gezogenen Linien zu verfolgen. Und da wir die Zeit auf unserer Seite haben, die nur das Gefängnis zu stoppen vermag, sollten wir jeden Moment, in dem die Dinge geschehen, besitzen, um zu wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen. Aber wir sind Gefangene einer Idee von Freiheit, die, obwohl sie vage und veraltet ist, uns weder sehen noch hören lässt, weil sie uns selbst vervollständigt. Sie gibt uns den Grund, uns in der Nacht, bevor wir zusammenbrechen, immer wieder zu sagen, dass es in unserer Welt nur Gefängnisse gibt.

Veröffentlicht im italienischen Original am 20. Februar 2025 auf
Carmilla Online, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks. 

New Heroes

Franco „Bifo“ Berardi

Vor zehn Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel „Heroes“ geschrieben, das 2015 bei Verso erschienen ist [dt. Übers.: „Helden. Über Massenmord und Suizid“, Matthes & Seitz, Berlin 2016].

Meine Helden in diesem Buch waren jene Menschen (vor allem junge Menschen), die derzeit als Amokläufer [Mass Murderers] bezeichnet werden, weil sie willkürlich auf Menschen schießen, für gewöhnlich an Orten wie Supermärkten, Konzertsälen, Kirchen und Schulen.

Ich schrieb mein Buch unter dem Eindruck der Tat, die James Holmes in einem Kino in Aurora, Colorado, begangen hatte: Während einer Vorführung des Batman-Films „The Dark Knight Rises“ holte der als Batman verkleidete junge Mann zwei automatische Gewehre hervor und tötete zwölf Menschen, die sich den Film ansahen. Viele glaubten einen Moment lang, dass der Tumult Teil der Vorführung sei.

In dem Buch habe ich die persönlichen Geschichten (und Gedankenwelten) von Menschen wie Seung-Hui Cho, Pekka-Eric Auvinen und anderen Jungen, die dafür bekannt wurden, unschuldige Passanten erschossen zu haben, resümiert.

Die Dinge haben sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt. Damals waren Amokläufe eine Ausnahme. Jetzt hat sich diese Form der Aktivität ausgebreitet, und Amokläufe sind zu einem alltäglichen Teil der Wirklichkeit geworden.

Einige Ereignisse sind so schockierend, dass Politiker und Experten zwei oder drei Tage lang Asche über ihr Haupt streuen und versprechen, neue Vorschriften und restriktivere Gesetze zu erlassen. Aber das sind nur Krokodilstränen. Der Vertrieb und die Verbreitung von Waffen geht unvermindert weiter.

Das Interessante an dem Thema der Amokläufer war für mich ihre prophetische Aura: Sie waren eine Warnung und die Vorboten einer kommenden Mutation. Wie Engel waren sie Zeichen an der Grenze der westlichen Psychosphäre, in dem doppeldeutigen Bereich zwischen Realität und Infosphäre.

In seinem letzten Buch, Bloodbath Nation, beschreibt Paul Auster den tief verwurzelten Hang zu brutaler Gewalt, der den American Way of Life prägt, und nennt den Waffenkult als direkte Ursache dieses Phänomens. Natürlich stimme ich mit seiner Analyse und seiner Kritik am weitreichenden Vertrieb tödlicher Waffen in der amerikanischen Gesellschaft überein. Der Hauptgrund für mein Interesse an Amokläufen ist jedoch ein anderer: Ich konzentriere mich nicht auf die Waffen, sondern auf den Geist.

Ich denke, dass der Amokläufer das extremste Beispiel für die andauernde Mutation der menschlichen Psyche ist, nach Jahrzehnten der neoliberalen Propagierung aggressiver Werte und nach Jahrzehnten der digitalen Neuformatierung des psycho-neurologischen Systems.

Die Generation, die durch Sprechautomatik formatiert wurde, erfährt eine Mutation, die das Verhältnis von Wahrnehmung, Vorstellung und Ausführung verändert. Diese Generation, die mehr Wörter von Maschinen gelernt hat als durch der Stimme ihrer Mutter, entwickelt eine mentale Verfassung, die mit den alten Begriffswerkzeugen nicht zu erklären ist: Das Verhältnis zwischen geistiger Ausformung und Ausführung einer Handlung ist gestört und verändert worden, als Folge der (unendlichen) Beschleunigung der Infosphäre und der daraus folgenden Übersättigung der Aufmerksamkeit.

Aufgrund der Instantaneität und Virtualität hat sich das Verhältnis zwischen geistiger Ausformung und Ausführung so tiefgreifend verändert, dass das Verhalten derjenigen, die in den letzten drei Jahrzehnten aufgewachsen sind, für die psychologische Wissenschaft und die psychoanalytische Therapie immer unerklärlicher wird.

Vor kurzem hat das Oxford English Dictionary „brain rot“ zum beliebtesten Wort des Jahres 2024 gekürt. An zweiter Stelle stand „Romantasy“, eine literarische Gattung, in der Zärtlichkeit und Zuneigung (die aus dem wirklichen Leben verschwunden sind) nur noch Fantasien sind. An dritter Stelle stand „demure“, ein Synonym für „reserved“, „shy“ und vielleicht „solitary“. Diese drei Wörter sind die beste psychopathologische Diagnose für eine Generation, die das Leben nur als Fiktion kennengelernt hat, oder als Terror.

Ich denke, dieses neue Verhalten sollte nicht als Psychopathologie, sondern vielmehr als Mutation betrachtet werden. Immer mehr Psychiater stellen bei Kindern die Diagnose ADHS. Aufmerksamkeitsdefizitstörungen, so sagen sie, beeinträchtigen die Psyche der Kinder und den normalen Bildungsprozess. Ich halte diese Diagnose für Schwachsinn: Es ist völlig nutzlos und irreführend, den Zustand, in dem sich das vernetzte Gehirn befindet, zu pathologisieren.

Das Verhalten, das Psychiater und Pädagogen als pathologisch bezeichnen, ist schlicht und ergreifend ein verzweifelter Versuch, den eigenen geistigen Rhythmus an den Rhythmus der Infosphäre anzupassen.

Stell dir vor, du stehst vor einer Leinwand, auf die ein Film projiziert wird. Der Filmvorführer beschleunigt das Tempo der Bilder – zehntausendmal, dann hunderttausendmal so schnell. Du kannst den Sinn des Farbenflusses, der vor deinen Augen erscheint, nicht mehr verstehen. Bist du derjenige, der dumm geworden ist, oder hat der Filmvorführer dir einen üblen Streich gespielt?

Die Demenz ist systemisch, nicht pathologisch. Demenz breitet sich aus, seitdem die Beschleunigung neuronaler Reize begann, Effekte wie Panik und Depression nach sich zu ziehen. Und sie hat das fortlaufende, kritische, rationale oder auch nur vernünftige Denken nach und nach unmöglich gemacht.

Aus diesem Grund muss die Demenz der Hauptgegenstand unserer theoretischen, analytischen und politischen Aufmerksamkeit sein, auch wenn ich nicht glaube, dass es eine Möglichkeit gibt, sie zu kurieren. Der Rhythmus der Infosphäre kann keinesfalls verlangsamt werden, denn das menschliche Gehirn ist heute davon abhängig und kann eine Verringerung der Intensität der Neurostimuli nicht ertragen. In jedem Fall ist es bereits zu spät: Die Demenz hat ihre Welt schon geschaffen.

Auf der einen Seite haben wir die senile Demenz der alten Generation, die von Erschöpfung und Verfall geplagt wird. Auf der anderen Seite haben wir die Demenz einer Generation, die mit gewaltigen Shitstorms bombardiert wird, Shitstorms, die sich seit einigen Jahrzehnten auf der Weltbühne ereignen.

Was wie eine Rückkehr des Hitler-Nazismus aussehen mag, ist die Offenbarung einer dementen, dabei vollkommen logischen und supereffizienten Aggressivität.

Das Oxford English Dictionary hat „brain rot“ zum Wort des Jahres gekürt, weil sein Gebrauch ab 2023 um 230 Prozent gestiegen ist. Diese Redewendung entspricht also der Selbstwahrnehmung der heutigen Bevölkerung, insbesondere der jungen.

Die Liquidation von Zeit zur Entwicklung, sowohl kognitiv als auch emotional, ist die Liquidation des ethischen Begriffs, des Mitgefühls und auch der kritischen Rationalität.

Samantha @ ABUNDANT LIFE 

Mit Blick auf mein langjähriges Interesse an den dementiellen Auswirkungen kognitiver Mutation ist es leicht zu verstehen, dass zwei Ereignisse aus jüngster Vergangenheit meine Aufmerksamkeit erregt haben.

Das erste war das Attentat auf Brian Thompson, CEO von UnitedHealthcare, durch den jungen Luigi Mangione, mitten in New York.

Das zweite war die Schießerei an der Abundant Life Christian School in Madison, Wisconsin. Natalie Rupnow, ein 15-jähriges Mädchen, das sich „Samantha“ nannte, nahm sich das Leben, nachdem sie einen Lehrer und einen Schüler erschossen und sechs weitere verletzt hatte.

Die Taten von Samantha (ein Amoklauf, der im Selbstmord endete) ähneln eher den Phänomenen, die ich in meinem Buch untersucht habe. Daher möchte ich zunächst etwas zu diesem Ereignis und seinen Auswirkungen sagen.

Die Zahl der Schießereien an Schulen hat stetig zugenommen, von 18 Schießereien im Jahr 2008 auf 22 im Jahr 2023. Im Jahr 2024 gab es mindestens 83 Schießereien an Schulen in den Vereinigten Staaten.

Als ich 2014 mein Buch schrieb, war ich davon überzeugt, dass diese Form mörderischer Taten von sehr unterschiedlichen Typen junger Menschen begangen werden kann: weiß oder schwarz, reich oder arm – allerdings immer von Männern. Ich verband dieses aggressive nach Außen kehren der Angst mit Männlichkeit.

Samantha hat mein Interpretationsschema gebrochen. Sie ist die erste Frau, nachdem es 25 Jahre lang nur männliche Amokläufer gab.

Ermittler, die das Online Life von Samantha untersuchten, entkräfteten das Gerücht, sie sei eine Transgender-Person gewesen.

Wir wissen sehr wenig über sie. Ich habe auf Facebook ein Foto gesehen, auf dem sie ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo einer deutschen Band trägt. Die Lieblingsband einer der Schützen der Columbine High School, die dort 13 Menschen erschossen.

Sie war ein Fan von Pekka-Eric Auvinen, einem 18-jährigen Finnen, der am 7. November 2007 sieben Schüler der Jokela-Schule in der finnischen Stadt Tuusula tötete, 60 Kilometer nördlich von Helsinki. Das, nachdem er ein Foto von sich mit einem T-Shirt mitsamt der Aufschrift „Humanity is overrated“ gepostet hatte.

Präsident Joe Biden veröffentlichte eine Erklärung zu den Morden von Abundant Life:

Von Newtown über Uvalde, Parkland und Madison, bis hin zu so vielen anderen Amokläufen, die kaum Beachtung finden – es ist inakzeptabel, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Kinder vor der Geißel der Schusswaffengewalt zu schützen. Wir können das nicht länger hinnehmen, als sei es normal. Jedes Kind hat ein Recht darauf, sich in seinem Klassenzimmer sicher zu fühlen. Schüler in unserem Land sollten lesen und schreiben lernen – und nicht, wie man sich duckt und versteckt.

Solche Worte klingen hohl, wenn sie von Biden kommen. Biden, der einen Völkermord überwacht, bei dem täglich palästinensische Kinder getötet werden. Was die (amerikanischen) Kinder angeht, die Biden angeblich schützen will, so habe ich das Interview eines lokalen Fernsehsenders mit einem zehnjährigen Mädchen gesehen, das in der Geschichte des Massakers von Abundant Life eine entscheidende Rolle spielte. Das junge Mädchen rief mit ihrem Handy die Polizei an, als sie merkte, dass im Klassenzimmer nebenan etwas Schlimmes geschah. Traumatisiert? Nicht so sehr: Das zehnjährige Mädchen beschreibt die Szene ohne übermäßige Emotionen. Sie lächelt und erinnert sich, dass sie die Stimme einer Lehrerin hörte, die rief: „Hilfe, Hilfe …“

Das junge Mädchen scheint mit der neuen Realität vertraut zu sein. Sie ist Teil der neuen Normalität im Zeitalter der Vernichtung.

Der Rächer

Das Zeitalter der Vernichtung hat viele Gesichter.

Eine Seite ist die kleine Minderheit, die dazu neigt, sich in eine bewusste Bewegung von selbstmörderischen Attentätern zu verwandeln. Eine andere Seite ist die der Rächer, die darauf abzielen, ihr eigenes Leiden durch die Auslöschung bestimmter anderer Individuen oder sozialer oder ethnischer Gruppen zu lindern. Luigi Mangione gehört zu dieser Legion von Rächern, die gewöhnlich nur so weit gehen, Mördern ihre Stimme zu geben, aber in einigen seltenen und extremen Fällen selbst zu den Waffen greifen.

Ja, auch mein Herz schlägt für ihn, wie die Herzen vieler Millionen, die die neoliberale Grausamkeit verabscheuen. Auch ich hatte gehofft, dass es Luigi Mangione gelingen würde, der Verhaftung zu entgehen, bevor ein McDonald’s-Angestellter, der viel ärmer war als er, die Polizei rief und ihn so verhaften ließ. Mangiones Tat wurde in den sozialen Medien bejubelt, und viele haben sich mit seinem Hass auf die Ausbeuter identifiziert.

Sollen wir sagen, dass seine Aktion (die Beseitigung eines Verbrechers, der vom Kranksein und dem Unglück der unglücklichen Bewohner des elendsten Landes der Welt profitiert) eine Episode des Klassenkampfes war? Das ist Unsinn.

Klassenkampf war in der gotischen Zeiten der Moderne eine ernste Sache: Es war die bewusste Anstrengung der Ausgebeuteten, sich von ihren Ausbeutern zu befreien – Worte, die in der barocken Ära spektakulärer Hyper Gewalt unverständlich klingen.

Ohne Freundschaft und Komplizenschaft, ohne ein gemeinsames Emanzipationsprojekt ist Hass kein Klassenkampf: Er ist eine Form chaotischer Rache für das Schicksal, im unerbittlichen Zeitalter des liberalen Nazismus geboren worden zu sein.

Ausbeutung, Bewusstsein, Solidarität, gemeinsame Projekte – all das ist aus der Sprache der heutigen Rächer verschwunden. Schmerz, Demütigung und Wut sind individuelle Gefühle, und sie bleiben individuell, auch wenn sie von Millionen Menschen geteilt werden, die als Vereinzelte einen Rächer an die Spitze wählen.

Dieses Verlangen nach Rache ist aufgrund unserer einsamen Beziehung zum Bildschirm und elektronischen Fluss auf dem Vormarsch.

Mangione vermischt die Bibel, Pokémon, Ayn Rand, Peter Thiel und Elon Musk. Dennoch versteht er etwas Wesentliches, wie seine Bemerkung zeigt, dass diejenigen, die wie er unter Rückenproblemen leiden, ihrem Arzt eher sagen sollten, dass die Schmerzen sie am Arbeiten hindern, anstatt von ihrem unerträglichen Leiden zu sprechen: „We live in a capitalist society and I have found that the medical industry responds with much more urgency to these words than when you describe unbearable pain.“

Mangione weicht von der Figur des Amokläufers ab; er wählte sein Ziel sorgfältig aus und hatte sehr klare „soziale“ Beweggründe. Seine Handlung muss jedoch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass ein Land eben einen Mann zum Präsidenten wählte, der den Wunsch nach Rache verkörpert. Dieses Verlangen nach Rache hat nicht ein einziges Motiv, sondern unzählige. Und die Racheaktion geht nicht nur in eine Richtung, sondern hat viele Ziele. Man könnte sagen, dass der Trumpismus eine Form der Rache aller gegen alle ist.

Das politische Projekt, das umzusetzen Trump versprochen hat, trägt Züge von Rache, und diese Rache hat viele Ziele: Vergeltung an den Demokraten, die versucht haben, seinen Triumph zu verhindern, aber auch – und vor allem – Rache an denen, die die Reinheit des rassistischen American Dream gefährden. Trump und seine Anhänger haben versprochen, sich an denjenigen zu rächen, die das amerikanische Heimatland illegal bevölkern: elf Millionen Migranten ohne Papiere. Viele von ihnen sind Arbeiter, viele werden schlecht bezahlt, während sie schwierige und gefährliche Arbeit machen. Sie mischen sich täglich unter die guten und braven weißen Bürger. Wie wird das enden?

Die versprochene „größte Abschiebung aller Zeiten“ wird kein Verwaltungsakt und keine geordnete Polizeiaktion sein. Es scheint schon technisch nicht durchführbar, die illegale Bevölkerung durch legale Maßnahmen zu beseitigen oder ernsthaft zu reduzieren.

Was passieren wird, ist die Durchsetzung einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung, die Millionen von Arbeitern dazu zwingen wird, sich zu verstecken, und es werden sich Denunziation und Angst verbreiten. Infolgedessen werden es viele Migranten vorziehen, das Land zu verlassen. Viele werden beschließen, das Recht selbst in die Hand zu nehmen, auf der einen oder der anderen Seite.

Der Ku-Klux-Klan ist zurück, aber jetzt ist er die mächtigste Organisation der Menschheitsgeschichte.

Zwei amerikanische Soldaten

Während ich diesen Artikel beende, wurde in den ersten Tagen des Jahres 2025 ein Veteran der US-Armee von der Polizei erschossen, nachdem er in der Touristenhochburg New Orleans 14 Menschen mit seinem Auto getötet hatte.

Der Mörder trug eine IS-Flagge bei sich, und obwohl sein Name (Shamsud-Din Bahar Jabbar) arabisch klingt, wurde er in Amerika geboren.

Ein weiterer Angehöriger des US-Militärs, Matthew Livelsberger, ein 37-jähriger, hochdekorierter Green Beret, sprengte einen gemieteten Tesla Cybertruck vor dem Trump International Hotel in Las Vegas in die Luft. Er befand sich in dem Fahrzeug, als es explodierte.

Sowohl Shamsud-Din Bahar Jabbar als auch Matthew Livelsberger hatten einen militärischen Hintergrund und beide dienten in Afghanistan.

Livelsberger war Quellen zufolge ein Unterstützer von Trump.

Können wir aus solchen Ereignissen einen schlüssigen Sinn ableiten?

Ich weiß nicht viel über diese New Heroes, aber ihre Taten sind eine ideale Einführung in ein Zeitalter des Terrors und der Demenz und vor allem des Chaos: das Zeitalter von Trump.

Diese zwei neuen Helden haben nichts mit der psychotischen Samantha zu tun oder mit Thomas Crooks, dem jungen Mann, der versuchte, Donald Trump zu erschießen. Sie haben auch wenig mit dem Rächer Mangione zu tun. Es handelt sich um unterschiedliche Gemenge aus Leid, Wahnsinn und ohnmächtiger Wut, um unterschiedliche ideologische Delirien. Aber solche Taten werden sich in den kommenden Monaten und Jahren häufen. Die amerikanische Gesellschaft jedoch wird durch diese Zunahme nicht zerstört werden, denn die amerikanische Gesellschaft basierte schon immer auf Gewalt, Angst und Wahnvorstellungen. Doch unter der Oberfläche brodelt etwas, etwas Neues entsteht.

Ich nenne es den chaotischen Krieg aller gegen alle.

Der chaotische, demente Krieg ist die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist die Automatisierung des sprachlichen Verhaltens, die Automatisierung der Wege des Daseins und der Erwartungen.

Chaos und Automation wachsen und gedeihen in einer gewalttätigen symbiotischen Beziehung.

Erschienen in der englischsprachigen Version am 15. Januar 2025 auf e-flux Notes, die deutschsprachige Übersetzung wurde Bonustracks zugespielt. 

Wir sind keine Bauern, wir sind das Volk, das sich gegen das Regime erhoben hat

Jwana Aziz

In diesem Artikel reflektiert die syrische Schriftstellerin Jwana Aziz über den Sturz des Regimes von Bashar al-Assad. Jwana untersucht die Bedingungen, die den Aufstand von 2011 auslösten, die Jahre des Bürgerkriegs und die Schwierigkeiten, die nun vor dem syrischen Volk liegen, während sie gleichzeitig die Möglichkeit für eine wirklich befreite Zukunft offen hält. Jwana ist die Tochter von Omar Aziz (Abu Kamel), einem syrischen Intellektuellen und Anarchisten, der während des Aufstands lokale demokratische Räte in Damaskus organisierte und theoretisierte. Im Jahr 2012 wurde Omar Aziz von syrischen Sicherheitskräften verhaftet und kam 2013 unter den katastrophalen Bedingungen in einem Gefängnis des Regimes ums Leben. 

Vorwort zu diesem Artikel, der aus dem englischsprachigen Reader “Die Syrische Revolution” (Dez 2024) stammt, der hier als PDF gelesen werden kann. 

Einleitung 

Während ich mich zum Schreiben hinsetze, denke ich an das letzte Mal, als ich meinen Vater sah. Er stand vor mir, hinter eisernen Gittern, gebrechlich und abgemagert, doch er lächelte mich an. Ich bewahre dieses Lächeln in meiner Erinnerung. Meine Mutter und ich standen auf der gegenüberliegenden Seite, zusammen mit dem Rest der Familien, die ihre Angehörigen besuchten. Die Kluft sollte deutlich gemacht werden. Sie, die Gefangenen, haben dem Staat Unrecht getan und sollten die Konsequenzen dafür tragen. Wir hingegen haben nichts getan, wir dürfen gehen und frei herumlaufen.

Heute befinde ich mich, wie Syrer auf der ganzen Welt, inmitten einer Lawine von Emotionen, die von Freude, Trauer, Hoffnung und Angst getragen werden und mich jeweils in eine andere Richtung drängen. Der Sturz des syrischen Regimes war unser kollektiver Traum, eine Sehnsucht, nach der wir uns gesehnt hatten, und am 8. Dezember 2024 wurde er wahr.

Um den Niedergang des Regimes zu verstehen, muss man zunächst wissen, wie es an die Macht gekommen ist. Als Hafez Al-Assad 1970 die Macht in Syrien übernahm, war die Dynastie darauf ausgelegt, mit eiserner Faust zu regieren. In den ersten drei Jahrzehnten führte Hafez ein System ein, das auf kapitalistischer Vetternwirtschaft und Korruption beruhte, unterstützt durch massive Überwachung und einen militarisierten Polizeistaat. Diese Kombination erwies sich als tödlich für jeden, der sich gegen ihn und seine Familie wandte.

Die Konsolidierung des Besitzes

Assad nutzte seine Machtposition, um die Kontrolle über alle wichtigen Sektoren zu monopolisieren und sicherzustellen, dass der Staat unter seiner Herrschaft nahezu jeden Aspekt des öffentlichen und privaten Lebens beherrschte. Dazu gehörten Telekommunikation, Immobilien, Bildung, Gesundheitswesen und sogar Heiratsinstitute. In den 1970er Jahren kam es zu einer dramatischen Vergrößerung des öffentlichen Sektors, wodurch der Staat zum wichtigsten Arbeitgeber der Syrer wurde. Im Jahr 2010 standen schätzungsweise 1,4 Millionen Syrer auf der Gehaltsliste der Regierung. [1] Durch diese Strategie verwischten die Grenzen zwischen der Familie Assad und dem syrischen Staat, so dass sie praktisch nicht mehr zu unterscheiden waren.

Vetternwirtschaft

Das Assad-Regime sicherte sich Loyalität, indem es ein Netz von Eliten aufbaute, die durch wirtschaftliche und soziale Anreize an die Familie gebunden waren. Machtpositionen wurden auf der Grundlage von Loyalität vergeben, wobei häufig Mitglieder von Assads eigener Glaubensgemeinschaft, den Alawiten, sowie enge Verbündete bevorzugt wurden. Dieses fest verankerte System der Günstlingswirtschaft sicherte die Loyalität von Schlüsselfiguren im militärischen, politischen und wirtschaftlichen Bereich und festigte Assads Macht weiter. Wie allgegenwärtig ihre Präsenz ist, zeigen die zahllosen Statuen, die zu Ehren von Assad und seinen Kumpanen errichtet wurden und ihre allgegenwärtige Herrschaft über Syrien symbolisieren.

Massenhafte Gewalt, massenhafte Inhaftierung

Die vielleicht stärkste Waffe in Assads Arsenal war die Bereitschaft des Regimes, unerbittliche Gewalt gegen die eigene Bevölkerung anzuwenden. Diese Strategie erreichte ihren berüchtigten Höhepunkt mit dem Massaker von Hama 1982. Als Reaktion auf einen Aufstand der Muslimbruderschaft entfachte das Regime eine brutale Militäraktion. Als „einer der dunkelsten Momente in der modernen Geschichte der arabischen Welt“ [2] bekannt, tötete das Regime schätzungsweise 10 000 bis 40 000 Menschen und zerstörte große Teile der Stadt. Dieses Ereignis sandte eine klare Botschaft an den Rest von uns: Jede Herausforderung an Assads Herrschaft würde mit überwältigender und wahlloser Gewalt beantwortet werden.

Der syrische Bürgerkrieg, der 2011 unter Hafez’ Sohn Bashar al-Assad begann, führte zu einer weiteren Eskalation dieser Gewalt in industriellem Ausmaß. Das Regime setzte Flächenbombardements, Fassbomben und chemische Angriffe ein, um von der Opposition gehaltene Gebiete zu zerstören, was zum Tod von über einer halben Million Menschen und zur Vertreibung von Millionen führte. Zehntausende wurden verhaftet, gefoltert oder verschwanden.

Nirgendwo wurde die Gewaltbereitschaft des Assad-Regimes deutlicher als in seinen Gefängnissen. Zu den berüchtigtsten gehörten Tadmor (in Palmyra) und Sednaya, das als „Menschenschlachthaus“ [3] bekannt ist. Sednaya war in zwei Bereiche unterteilt: das „Rote Gebäude“, in dem systematisch gefoltert und hingerichtet wurde, und das „Weiße Gebäude“, in dem Häftlinge auf ihr Schicksal warteten.

Aus einem Bericht von Amnesty International aus dem Jahr 2017, der sich auf Aussagen ehemaliger Wärter stützt, geht hervor, dass das Weiße Gebäude nach dem syrischen Bürgerkrieg von den vorhandenen Gefangenen geräumt wurde, um Platz für diejenigen zu schaffen, die wegen ihrer Teilnahme an Protesten gegen das Regime von Bashar al-Assad inhaftiert waren. Schätzungen zufolge wurden zwischen März 2011 und August 2024 etwa 157.634 Syrer verhaftet. Darunter befanden sich 5.274 Kinder und 10.221 Frauen. Unter dem Weißen Gebäude befand sich ein „Hinrichtungsraum“, in den Gefangene aus dem Roten Gebäude transportiert wurden, um dort gehängt zu werden. Allein zwischen 2011 und 2015 wurden dort schätzungsweise 13.000 Menschen gehängt. [4]

Die Gräuel dieser Gefängnisse sind seit langem bekannt. Im August 2013 schmuggelte ein militärischer Überläufer mit dem Codenamen Caesar, der sich kürzlich als Osama Othman zu erkennen gab, 53.275 Fotos heraus, [5] auf denen der Tod von mindestens 6.786 Gefangenen dokumentiert ist. Diese Bilder gaben einen schonungslosen Einblick in die Brutalität des Assad-Regimes. Heute ist der Schleier noch weiter gelüftet worden, was noch schrecklichere Tatsachen ans Licht bringt.

In den Berichten werden unvorstellbare Grausamkeiten wie Vergewaltigung, Verstümmelung, Schändung der Leichen, Hungertod und der Entzug von Grundbedürfnissen wie Nahrung, Wasser, Schlaf und Medizin beschrieben. Zu den Foltermethoden, die zum Teil von französischen Kolonial- und deutschen Praktiken inspiriert waren, gehörte der Deutsche Stuhl, [6] bei dem die Opfer nach hinten gebogen wurden, bis ihre Wirbelsäule brach. Der Fliegende Teppich, ein Holzbrett, das Knie und Brustkorb zusammenbringen sollte, verursachte unerträgliche Rückenschmerzen. Die Leiter, an der die Häftlinge gefesselt und immer wieder heruntergestoßen wurden, brach ihnen bei jedem Sturz das Rückgrat. Und schließlich wurde die Eisenpresse benutzt, um die Leichen massenhaft zu entsorgen.

Das Wissen, dass diese Gräueltaten jahrelang andauerten, ist herzzerreißend. Syrerinnen und Syrer sind heute entweder immer noch auf der Suche nach Antworten auf die Frage, ob ihre Angehörigen vermisst werden, [7] wie Wafa Moustafa, die immer noch nach ihrem Vater sucht, [8] oder sie trauern über den bestätigten Tod ihrer Angehörigen und Freunde. In dieser Woche gingen die Syrer auf die Straße, um den Verlust des Aktivisten Mazen al-Hamada zu betrauern, [9] dessen Tod in einem Militärkrankenhaus bestätigt wurde. Mazen, ein Symbol des Widerstands und der Güte, hat einen ewigen Platz in unseren Herzen, zusammen mit zahllosen anderen, die ihr Leben für unsere heutige Freiheit geopfert haben: Razan Zaytouneh, Samira Khalil , Ghayath Matar und all die tapferen Männer, Frauen und Kinder, die sich für die Zukunft Syriens geopfert haben.

In einer kürzlich durchgeführten Untersuchung hat Fadel Abdulghany, der Leiter des Syrischen Netzwerks für Menschenrechte, Belege dafür gefunden, dass das Regime an der Verbrennung von Leichen in industriellem Maßstab beteiligt ist. „Wo sind die Leichen?“, fragt er. Gestern wurden rund 50 Säcke mit menschlichen Überresten in der Nähe von Damaskus auf einem kargen Gelände entdeckt, eines von vielen vermuteten Massengräbern. Ich schließe mich Abdulghanys Forderung an und betone, dass wir dringend wissen müssen, wo die Leichen begraben wurden, damit die Syrer ihre Lieben zur ewigen Ruhe betten und mit der Gestaltung ihrer Zukunft beginnen können.

Doch inmitten dieser Finsternis gibt es auch Freude und Entschlossenheit. Jüngste Videos zeigen die Freilassung von Gefangenen, darunter Kleinkinder [10], erwachsene Männer, die aufgrund der schrecklichen Bedingungen ihr Gedächtnis verloren haben [11], und Frauen, die in der Gefangenschaft Kinder geboren haben, die von Männern gezeugt wurden, die sie nicht kennen. Trotz der erschütternden Realität ist der heutige Tag ein Tag der Hoffnung – Familien finden wieder zusammen, und lange getrennte Familienangehörige nehmen sich wieder in die Arme. Die Schleifung des Sednaya-Gefängnisses ist ein denkwürdiger Tag.

Wir stehen im Kielwasser ihres Untergangs, die Statuen sind gestürzt, ihre Porträts zertrümmert, die Kumpane haben sich zerstreut, die Mukhabarat („Geheimdienst“) hat sich aufgelöst. Eine Familie, die ihren Reichtum hortete und 90 % ihres Volkes in die Armut stürzte, findet ihr Haus nun als offenes Haus vor [12], in das normale Menschen eintreten und sich nehmen können, was sie wollen – eine süße Ironie oder vielleicht eine angemessene Vergeltung. Aber unsere Feier wird nur kurz sein.

Was kommt als Nächstes?

Das vom Regime hinterlassene Vakuum wird von nationalistischen Gruppierungen wie Hay at Tahrir al-Sham (HTS), einer autoritären Organisation mit einer islamisch-fundamentalistischen Ideologie, und der Syrischen Nationalen Armee (SNA), einem Stellvertreter der Türkei, ausgenutzt. Sowohl HTS als auch SNA müssen als Bedrohung für ein demokratisches Syrien angesehen werden. Und obwohl die USA und Israel die Offensive, die dem Regime ein Ende setzte, nicht initiiert haben, lehnt Israel die Befreiung Syriens ab, weil sie die israelische Kontrolle über Palästina und die regionale Stabilität gefährden könnte.

In dieser Situation ist es unerlässlich, dass wir alle Formen des arabischen Nationalismus und alle kolonialen Entititäten ablehnen, die auf ethnischen Säuberungen und der Expansionen von Siedlern beruhen – ganz gleich, ob sie von Israel, den USA, der Türkei oder anderen betrieben werden. Wir müssen die systematische Vertreibung von ethnischen Gruppen wie Assyrern, Kurden, Nubiern und Armeniern verhindern und sicherstellen, dass sie nicht fortgesetzt wird.

Es liegt nun an den Syrern, hierarchische Strukturen abzubauen und die Demokratie durch „Macht von unten“ [13] wieder aufzubauen. Die Arbeit meines Vaters[ 14] und seiner Genossen zeigt, dass die Arbeiterklasse in der Lage ist, sich durch lokale Räte selbst zu verwalten [15]. Sie sind ohne den Staat ausgekommen und haben Bildung, Krankenhäuser und Dienstleistungen organisiert, die alle vom Volk verwaltet wurden und in ihren Gemeinden verwurzelt waren. Die Syrer tun sich bereits zusammen, um die vom Regime vernachlässigte Infrastruktur wiederherzustellen. Initiativen zur Säuberung und Wiederherstellung öffentlicher Räume [16] sind ein Beweis für unsere Widerstandsfähigkeit und Entschlossenheit. Leider ist die Welt wieder einmal untätig und zögert, uns die Unterstützung zukommen zu lassen, die wir verdienen. Wie in der Vergangenheit wird auch heute versucht, die Realitäten in Syrien und die Möglichkeiten für einen Wandel zu begrenzen. Wir werden als passive Subjekte dargestellt, mit Verschwörungstheorien verleumdet und als Spielfiguren in einem größeren geopolitischen Spiel abgestempelt.

Aber wir sind keine Spielfiguren. Wir sind die Menschen, die sich gegen ein Regime erhoben haben, von dem wir wussten, dass es uns töten würde.

Als ich an dem Tag, an dem ich meinen Vater sah, das Gefängnis verließ, stand ich auf syrischem Boden und sollte eigentlich frei sein – doch ich fühlte mich alles andere als frei. Das Gefühl, beobachtet und überwacht zu werden, und die erstickende Präsenz der Angst waren mir nur allzu vertraut. Der Einfluss des Regimes war überall zu spüren, in den Straßen, in den Geschäften, auf den Straßen und in den Augen der Menschen. Syrien als Land fühlte sich wie ein einziges großes Gefängnis an.

Wenn es eine Botschaft gibt, die ich mit der Welt teilen könnte, dann ist es diese: Wenn du und deine Community nicht in der Lage sind, ihre Lebensweise zu bestimmen, lebst du in einer Art Gefängnis. Ein Gefängnissystem, das darauf abzielt, unser Potenzial und unsere Vorstellungskraft zu kontrollieren und einzuschränken. Wenn eine der brutalsten Diktaturen des 21. Jahrhunderts innerhalb weniger Tage zusammenbrechen kann, dann kann das auch das kapitalistische System, das unser Leben beherrscht und ausbeutet. Wir müssen in der Lage sein, von dieser Welt zu träumen, so wie mein Vater es von Syrien erträumt hat.

Fußnoten 

[1] https://carnegieendowment.org/research/2015/07/the-assad-regimes-hold-on-the-syrian-state?lang=en&center=middle-east

[2] https://richardpollock.substack.com/p/the-assad-familys-darkest-moment

[3] https://forensic-architecture.org/investigation/saydnaya?utm_source=chatgpt.com

[4] https://www.ndtv.com/world-news/syria-regime-change-bashar-al-assad-what-happened-at-syrias-saydnaya-bashar-al-assads-human-

slaughterhouse-7199792

[5] https://www.hrw.org/news/2015/12/16/syria-stories-behind-photos-killed-detainees

[6] https://www.aljazeera.com/news/2024/12/9/assads-human-slaughterhouses-what-to-know-about-syrias-prisons

[7] https://apnews.com/article/syria-rebels-assad-morgues-death-c64f6f4f3e03e7d063dc90f03ccd4c4b

[8] https://gcclub.org/2021/07/14/wafa-mustafa-the-woman-fighting-to-find-her-father-and-all-of-syrias-disappeared/

[9] https://www.middleeasteye.net/trending/social-media-users-mourn-syrian-activist-mazen-hamada-tortured-sednaya

[10] https://www.lbc.co.uk/news/boy-released-syrian-prison-assad/

[11] https://www.youtube.com/watch?v=sLLAGfLw894

[12] https://www.bbc.co.uk/news/videos/cwypw11qnppo

[13] https://www.democracynow.org/2024/12/12/syria_joseph_daher

[14] https://libcom.org/article/formation-local-councils-live-revolutionary-time as well as article 13 in this reader.

[15] https://isj.org.uk/the-ngoisation-of-the-syrian-revolution/

[16] https://syriadirect.org/damascus-volunteers-care-for-a-country-that-feels-like-theirs/

Die gesamte Broschüre “The Syrian Revolution” wurde am 18. Dezember 2024 erstmalig veröffentlicht, dieser Text erschien als Auszug am 16. Februar 2025 auf “The Anarchist Library”. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte durch Bonustracks.