23. März 1979 (paris)- Die lothringischen Stahlarbeiter setzen die schönen Viertel in Brand.

Am 23. März 79 versammelten sich 80.000 Demonstranten, die unter anderem von der CGT mobilisiert wurden, um gegen den Massenentlassungsplan für 20.000 Stahlarbeiter in der lothringischen Industrie zu kämpfen. Die Regierung Giscard hatte diesen Plan im Dezember 1978 angekündigt. Dieser Freitag im März sollte der Höhepunkt einer extrem heftigen Bewegung gegen die Umstrukturierung des französischen Kapitalismus werden.

Als im Dezember 78 Usinor, der größte französische Stahlkonzern, die Entlassung von 20.000 Stahlarbeitern in Lothringen ankündigte, wurde die gesamte Region von Entsetzen erfasst.

Die Wirtschaft Lothringens, die bereits durch die aufeinanderfolgenden Schließungen der Kohlebergwerke stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, lag am Boden. Einst blühende Industriereviere wie das symbolträchtige Longwy haben als einzige Perspektive die Massenarbeitslosigkeit. Für die französischen Kapitalisten und insbesondere für die Familie Wendel, die die meisten Fabriken in der Region leitet, ist das Geschäft immer weniger rentabel.

Die Wendels schrammten übrigens nur knapp am Bankrott vorbei, wurden aber vom Staat, verkörpert durch Raymond Barre, gerettet, der beschloss, in Usinor zu investieren, um eine Katastrophe zu verhindern. Dennoch gingen in fünf Jahren fast 62.000 Arbeitsplätze verloren, vor allem in den Regionen Lothringen und Nordfrankreich. Angesichts dessen organisiert sich die Gegenwehr.

Kämpfe und neuartige Klassenkonflikte, radikalisierte lokale Gewerkschaften

Das lokale Proletariat ist stark gewerkschaftlich organisiert, in der CGT, aber auch in der CFDT [1], und weist einige Besonderheiten auf, insbesondere eine ausgeprägte Zusammensetzung aus eingewanderten Arbeitern, Maghrebinern, aber auch Italienern [2]. Es ist außerdem jung und verfügt über zahlreiche Gewerkschaftskader, die aus den Arbeiterkämpfen der 68er hervorgegangen sind.

Die Antwort kam sofort: Am 19. Dezember 1978 strömten unter dem Banner der Intersyndicale 20.000 Menschen in Longwy auf die Straße. Außerdem setzten sich zahlreiche Kampfkomitees in Bewegung, die über den “einfachen” gewerkschaftlichen Kampf hinausgingen.

Der Protest nimmt die Form eines totalen Kampfes an, da alle Bereiche, aus denen sich das Bergbaubecken zusammensetzt, vertreten sind. Der Historiker Gérard Noiriel war zu dieser Zeit Lehrer und veröffentlichte einen Text, der die “Volksrepublik Longwy” würdigte. (link zu dem Text in französisch, d.Ü.)

Demonstration in Nancy am 4. Januar 79

Der Kampf wird nach der Demonstration am 12. Januar 79 in Metz zunehmend härter. 80 000 Menschen sind gekommen, um sich der Arbeitslosigkeit zu verweigern. Arbeitgeber und Regierung bleiben unnachgiebig.

Man ist also gezwungen, über den Tellerrand hinauszuschauen und etwas originellere Aktionen durchzuführen. Zunächst symbolisch: Am 24. März marschieren 15.000 Kinder durch Longwy. Die Demonstration wird als “Flammen der Hoffnung” bezeichnet. Nur das! Und dann, da sich nichts bewegt, beginnt man, wütend zu werden. Nach einer Fabrikräumung organisiert die eher linksgerichtete CFDT einen Angriff auf die örtliche Polizeistation. (Siehe dazu den Beitrag in der Sunzi Bingfa vom Mai 22., d.Ü.) Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Ein Teil der Basis zieht mit. Dies ist der Beginn einer Reihe von besonders gewalttätigen Auseinandersetzungen. Einige Gewerkschafter müssen sogar die Radikalsten daran hindern, mit Gewehren auf die Polizisten zu schießen.

Angriff auf die Bullenwache in Longwy

Aber man muss sagen, dass selbst in der CGT auf lokaler Ebene nicht die Legalität im Vordergrund steht. 

Bereits am 16. Dezember 78 wurde ein Piratensender gegründet: SOS emploi, der bald den Namen Lorraine Coeur d’acier annahm.

Der Sender wurde klandestin ausgestrahlt und organisierte den Kampf, bot aber auch einen neuen Rahmen für die Befreiung des Wortes, in dem alle Themen der damaligen Zeit behandelt wurden: Abtreibung, Feminismus, Rassismus, Konflikte mit der UdSSR, Wahlrecht für Ausländer… Ein Wort, das nur durch den Kampf entsteht! Kurz darauf rief ein Aufruf aus den Versammlungen und Gewerkschaftsverbänden zu einem weiteren Termin auf: dem 23. März 1979, diesmal in Paris.

Aufbruch zur Demonstration in Paris

Am Freitag ist alles erlaubt

Paris ist weit weg von Lothringen. Während die PCF und die CGT also alles daran setzten, möglichst viele Menschen nach Paris zu bringen, hatten andere politische Kräfte beschlossen, sich in den Kampf einzumischen.

Dazu gehörten unter anderem die Autonomen, aber auch die Linken. Die Autonomen waren damals eine Ansammlung von Tendenzen, die nicht häufig einer Meinung, aber relativ dynamisch waren und sich seit einigen Jahren links von der extremen Linken organisierten. Diese Tendenzen sind besonders lebendig an den Hochschulen, aber auch lokal in Kollektiven von Arbeitern. Aber es ist vor allem die Straße, auf der sie sich auszeichnen und den Bullen aller Art das Leben schwer machen. Wenn man erfährt, dass die Proletarier aus Lothringen in Massen auf die Straßen von Paris gehen werden, ist die Versuchung groß, an eine aufständische Bewegung zu denken. Diese Analyse ist nicht unbegründet, aber sie übersieht eine einfache Tatsache: Aufstände werden von den Einheimischen angeführt. Als sich die Demonstration jedoch von République aus in Richtung Opéra in Bewegung setzt, haben viele der Demonstranten Paris noch nie gesehen.

Und der erwartete coup de force fällt etwas schwächer aus als erwartet.

Man muss sagen, dass zu dieser Zeit, in der es in Europa von bewaffneten linken Gruppen wimmelt, die Polizei auf Zack ist. Am Morgen der Demonstration werden 80 Personen festgenommen. Bei den autonomen Gruppen, aber auch bei der Anarchistischen Föderation. Ein auf der Strecke geparktes und mit Molotowcocktails vollgestopftes Auto wird ebenfalls von den offensichtlich gut informierten Polizisten aufgegriffen.

Der Gewerkschaftsbund CGT, der die Ausschreitungen in den lothringischen Industrieregionen mit Argwohn betrachtet (die Zeit ist reif für das “gemeinsame Programm” zwischen der PCF und der PS, also wird nicht allzu viel Staub aufgewirbelt), hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Der Ordnungsdienst der CGT, die aus 3500 Personen (!) besteht, präsentiert sich in Bestform und gerät mehrmals mit den Demonstranten aneinander.

An der Porte de Pantin kam es zu Zusammenstößen mit den harten Jungs der Pariser Papiergewerkschaft, die sich mit der CFDT Longwy und Teilen der örtlichen CGT anlegten, wie Front libertaire berichtete [3].

Mehrere Demonstrationszüge laufen in der gleichen angespannten Atmosphäre in Richtung République zusammen. 

Der Ordnungsdienst der CGT schafft es, dass alles halbwegs im Rahmen bleibt, hat aber das Gefühl, dass es nicht den ganzen Tag so weitergehen kann. Nach zwei oder drei Schlägereien lassen sie dem Demonstrationszug ein wenig Luft zum Atmen.

Auch wenn die Autonomen bei diesen Auseinandersetzungen sehr präsent sind, ist klar, dass sie nicht ohne einen für sie besonders günstigen Kontext im Demonstrationszug existieren können. Im Klartext: Sie werden von einem großen Teil der Bewegung unterstützt. Schon weil sie Kontakte zu den lothringischen Stahlarbeitern geknüpft haben, und dann auch, weil diese die Polizei nicht mögen. Übrigens greift diese Polizei recht schnell ein, als sie ihre Freunde von der CGT in Schwierigkeiten sieht und die Autonomen zusammen mit den “Jugendlichen von Longwy” den Demonstrationszug anführen. Angriff auf dem Boulevard Saint Martin, sofortige Reaktion mit viel Material! Molotow, Bolzen, Stahlkugeln. Das war kein Spaß und die Stahlarbeiter kamen mit vollen Taschen!

Plünderung in der Rue de la Paix

 Keine Knauserigkeit gegenüber den Bullen. Die CGT-Bullen hingegen setzen ihre schmutzige Arbeit fort und liefern alles, was lange Haare hat, an die Polizei aus. Die Jagd auf Beatniks ist eine verkannte Fähigkeit des französischen Stalinismus…

Der Lastwagen von Lorraine Coeur d’Acier dient den Unkontrollierten aller Richtungen, die sich um ihn herum versammeln, als Orientierungspunkt. Und als um 17 Uhr die Opéra Garnier ihre hässliche Fratze zeigt, kommt es zur Explosion. Die Schaufenster der rue de la Paix und des Boulevard des Italiens zersplittern! Diese Aktionen sind eher das Werk der Autonomen und werden von den Stahlarbeitern nur mäßig geschätzt, da sie den Zusammenhang nicht wirklich sehen!

Für die Polizei hingegen ist alles in Ordnung! Sie räumen den Platz mit Offensivgranaten (die gab es schon damals !). Der Ordnungsdienst der CGT versucht, ihre Anhänger in Schach zu halten, aber das ist vergebene Liebesmüh, denn Hunderte von CGTler stürzen sich in die Schlägerei!

Die Bullen sind überfordert, einem Bullen der CRS wird in einem Nahkampf auf dem Boulevard de Montmartre die Waffe gestohlen. Der Aufruhr breitet sich aus. Der Sitz von L’Humanité wird von Autonomen angegriffen.

Gare de l’Est, am Abend des 23. März 79

Die Jugendlichen aus Longwy laufen weiter auf den Boulevards de Strasbourg und Sébastopol. Der Großteil der Menge zieht zum Gare de l’Est. Der Bahnhof wird von den Demonstranten überrannt und geplündert, die sich mit Nachschub an Wurfmaterial versorgen, um die zu vielen Polizisten zu vertreiben. Die Zusammenstöße enden spät in der Nacht und in den Nachrichten von France 2 eröffnet Giquel die Nachrichten über die Demonstration und erklärt, dass der Tag ziemlich bitter geraten sei. Das kann man wohl sagen!

Die Autonomen werden beschuldigt, einen coup de force durchgeführt zu haben, um die (eigentliche) Radikalität der Bewegung zu übertünchen

Infolgedessen wird die Bewegung ihr Gesicht verändern.

Die CGT (und damit die PCF) wird die Karten neu mischen. Für die Regierung Barre ist das gesegnetes Brot! Sie bläst die Kohlen aus dem Feuer der Unruhen und beschuldigt die CGT, für das Gemetzel verantwortlich zu sein.

Anstatt die Scheiße im Namen der französischen Arbeiterbewegung auf sich zu nehmen, wird die CGT sich eine Strategie zurechtlegen: Sie wird alles auf die Autonomen und die Bullen schieben. Die Autonomen wären demnach Kriminelle, die nichts mit der Bewegung zu tun haben. Vor allem aber wären die “Schläger” allesamt Polizisten in Zivil. Warum ist das so? Der Ordnungsdienst der CGT hätte einen Polizisten in Zivil im Demonstrationszug abgefangen. Das ist nichts Neues. Wie Front libertaire am nächsten Tag sagen wird, handelt es sich um klassische Methoden der Polizei, und vor allem wurde dieser Polizist in Zivil von Jugendlichen aus Longwy, die an den Krawallen beteiligt waren, aufgegriffen.

Für die CGT ist klar: Die Zusammenstöße waren allesamt das Werk von Schlägertrupps, die von der Staatsmacht “ferngesteuert” wurden. Also hätten sich Hunderte von Polizisten mit Tausenden von anderen Polizisten angelegt! Was für eine Logik!

Für die reformistische Linke in Frankreich ging es vor allem darum, eine schreckliche Nachricht zu verschleiern: Die Menge der Proleten in Ostfrankreich war nicht unter Kontrolle. Und vor allem: Sie war nicht beherrschbar … Ein schreckliches Eingeständnis für eine respektable Gewerkschaft wie die CGT.

Eine historische Niederlage

All dies war leider nur ein Strohfeuer. Denn obwohl der Kampf im Industriegebiet verankert war (was die Wiederaufnahme der Kämpfe in den Jahren 83 und 84 oder auch die Kämpfe in Chooz belegen), hatte sich die historische Niederlage bereits abgezeichnet. Die Fabriken schlossen alle und ließen die Region im Elend zurück. Im Jahr 2018 zählte die Stadt Longwy 20% Arbeitslose.

Während die Erinnerung im Lager der Gewerkschafter wach blieb, war die Zeit danach auch innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen schmerzhaft. Lorraine Coeur d’acier wurde von der Regionalleitung der CGT geschlossen, da sie als zu “liberal” angesehen wurde, und die Sanktionen gegen allzu vehemente Gewerkschaftsfunktionäre machten sich ebenfalls bemerkbar. Gérard Noiriel verließ die PCF, nachdem er zusammen mit dem marokkanischen Facharbeiter Benaceur Azzaoui ein gemeinsam verfasstes Buch veröffentlicht hatte. Darin kritisierten sie die Vertikalität der Partei sowie die Schwierigkeit für eingewanderte Proletarier, sich im Kampf zu engagieren, auch innerhalb linker Kader.

Tolé! Es war das Ende der Republik von Longwy und der Beginn einer schlimmen Zeit für die Proleten: die Mitterrand-Jahre, die Jahre des Geldes.

Das Ende einer Epoche, deren Bilanz bis heute nicht gezogen wurde. Vor allem von der Gewerkschaftsbewegung.

Anmerkungen

[1] Die CFDT war damals und für kurze Zeit auf einer “selbstverwalteten” Linie, was heutzutage schwer zu glauben ist.

[2] 150.000 Italiener ließen sich nach 1945 in Frankreich nieder, darunter viele Kommunisten.

[3] Front libertaire ist das Presseorgan der libertär-kommunistischen Organisation, die sich während des Konflikts der CFDT Longwy angenähert hatte.

Veröffentlicht am 23. März 2024 auf Paris-Luttes.Info, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.